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Heinz Helle stellte seinen Roman in der Bielefelder Stadtbibliothek vor. - © Maria Frickenstein
Heinz Helle stellte seinen Roman in der Bielefelder Stadtbibliothek vor. | © Maria Frickenstein

Literaturtage Zorn und Zweifel eines Trinkers

Der Schriftsteller und Philosoph Heinz Helle las in der Stadtbibliothek aus seinem neuen Roman „Die Überwindung der Schwerkraft“.

Maria Frickenstein
03.11.2019 | Stand 03.11.2019, 18:59 Uhr

Bielefeld. „Es geht darum, Fragen zu stellen." Das sagt der Schriftsteller und promovierte Philosoph Heinz Helle zu seinem dritten Roman „Die Überwindung der Schwerkraft" bei den Bielefelder Literaturtagen. Die Stadtbibliothek lud den in Zürich lebenden, gebürtigen Münchner zur Lesung. Mit nahezu monotoner Stimme liest der 41-Jährige von der Verzweiflung und dem Zorn eines Trinkers. Die Gleichförmigkeit hilft, all das Gehörte auszuhalten. Es ist der Roman zweier sehr unterschiedlicher Brüder, genauer Halbbrüder eines gemeinsamen Vaters. Der jüngere Bruder erzählt, erinnert sich. Geradezu in Rage bringt sich der Ältere bei seiner eigenwilligen Betrachtung der Ungerechtigkeiten in der Welt. Zechgelage im Münchner Kneipenviertel Vielen Seiten folgt man den Brüdern beim Zechgelage im Münchner Kneipenviertel. Allmählich entwickelt der Roman einen Sog und eine zunehmend wachsende Empathie für den Scheiternden einerseits und die brüderliche Beziehung andererseits. Bereits der erste Satz nennt den Tod des alkoholkranken älteren Bruders. Namenlos schildert der Jüngere die gemeinsamen Eskapaden und zieht den Leser in seinen Dunstkreis. Peu à peu offenbart sich die Psyche des verzweifelt nach Sinn und Wahrheit suchenden Alkoholikers. Sensibilisiert für alle Schrecken dieser Welt Enthemmt spricht er über den belgischen Kindermörder und Sexualstraftäter Marc Dutroux und fragt sich, ob er selbst Kinder haben sollte. Höchst sensibilisiert für alle Schrecken der Welt zeigt sich der Trinker. Aberwitzig verbindet er banale wie erschütternde Ereignisse der Welt und sucht doch verzweifelt nach einem Grund, trotz allem sinnvoll leben zu können. Seinem Publikum verrät Heinz Helle die biografischen Anleihen, denn auch sein Bruder sei an der Alkoholkrankheit gestorben. Auch alle genannten Orte gebe es in München. Die Erzählkonstruktion des Romans habe bereits zu Beginn festgestanden und ihm eine notwendige, persönliche Distanz zum Schreiben eröffnet. Den Aberwitz menschlicher Existenz in all seiner Widersprüchlichkeit baut Helle durchaus humorvoll ein. So stellt der Betrunkene beim spontanen Kopfstand sich und die Welt spontan auf den Kopf und fällt hernach ebenso ad hoc auf den Bruder. „Ich wollte ein Beispiel geben, wie sein Wahn wuchert" Der Jüngere fängt als Mittler und temporärer Retter nicht zum ersten Mal seinen philosophierenden Bruder auf. „Ich wollte ein Beispiel geben, wie sein Wahn wuchert", sagt Heinz Helle über die selektive Wahrnehmung und die gedanklichen Verirrungen des Alkoholikers. „Die Überwindung der Schwerkraft" ist ein Roman zum Wach- und Dranbleiben. Zunächst ist der Text durchaus gewöhnungsbedürftig, gibt es doch auf 201 Seiten weder Kapitel noch Absätze. Das fordert die Konzentration heraus, ebenso die verschachtelten Sätze. Ein halbwegs geübter Leser jedoch nimmt und bewältigt diese kleinen Hürden der Lektüre - weil es sich lohnt. Im Erinnern und Erzählen füllt der Erzähler die Leerstellen Rhythmus und Klang seien ihm wichtig, so Helle, zum Beispiel auch bei den englischen Übersetzungen, an denen er mitwirken kann. Berührend sind die Textstellen, in denen sich der jüngere Bruder mit Hilfe des Familienalbums erinnert. Im Erinnern und Erzählen füllt der Erzähler die Leerstellen, das Ungesagte, das Schweigen mit Sprache, Sätzen und Worten. Eigene Fotos haben dem Schriftsteller hierbei geholfen, verrät Helle den Zuhörenden in der Bibliothek. Wer es jeden Morgen schaffe, aufzustehen und nicht allzu viel nachzudenken, habe schon einiges getan, um das Leben zu meistern und die Angst vor dem Tod zu lindern, so der Autor. Als eine „schöne Arbeit" bezeichnet der Schriftsteller das Schreiben dieses Romans, denn gerne hätte er ähnlich intensive Gespräche auch mit seinem Bruder geführt. „So ist er für mich immer präsent", sagt Helle. Nicht zum letzten Mal nennt der tiefgründige und inzwischen zweifache Familienvater das morgendliche Aufstehen als einen ersten Schritt in das tägliche Überleben, trotz alledem, trotz aller Irrungen und Wirrungen.

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