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Unbeirrt auf eigenem Kurs: Bob Dylan 1967. - © Elliot Landy
Unbeirrt auf eigenem Kurs: Bob Dylan 1967. | © Elliot Landy

3-CD-Box "Travelin' Thru" Bob Dylan im Country-Land

Die Aufnahmesessions des US-Rockkünstlers in Nashville von 1967 bis 1969 und seine aufsehenerregende Kooperation mit Johnny Cash werden in der neuen Folge der "Bootleg"-CD-Serie dokumentiert.

Thomas Klingebiel
30.10.2019 | Stand 30.10.2019, 22:01 Uhr

Bielefeld. 1967, „Summer of Love": Drogen und psychedelische Klänge liegen in der Luft. Jimi Hendrix, Pink Floyd und Velvet Underground begeistern mit ihren Debüts, die Beatles bringen „Sgt. Pepper" heraus, und die Rolling Stones versuchen, mit „Their Satanic Majesties Request" den Anschluss nicht zu verpassen. Für die im Rückblick revolutionärste Erschütterung in diesem „Schaltjahr des Pop" sorgt aber Bob Dylan. Der gegen seinen Willen zur Stimme der Gegenkultur ernannte Rockkünstler reist im Oktober 1967 von seinem selbstgewählten Exil nördlich von New York in den erzkonservativen US-Süden, spielt in Nashville zwei Alben ein und musiziert mit Country-Superstar Johnny Cash. Zwei Musikwelten verbunden Ein Schritt, der vielen Pop-Fans damals nahezu surreal erscheint. Doch er brachte die Mauer zwischen zwei bis dahin streng voneinander getrennten musikalischen Welten zum Einsturz und veränderte die Popmusik für immer. „Travelin’ Thru", die am Freitag erscheinende 15. Folge der offiziellen Dylan-Bootleg-Serie, beleuchtet mit bisher offiziell unveröffentlichten Aufnahmen die bis 1969 währende Nashville-Phase des Musikers. Die alternativen Song-Versionen von Dylans Country-Alben „John Wesley Harding" (1967) und „Nashville Skyline" (1969) auf CD 1 gestatten Einblick in den kreativen Prozess und lassen teils mit veränderten Melodien („I Pity the Poor Immigrant") oder sparsamer instrumentierten Fassungen („Lay Lady Lay") aufhorchen. In Nashville waren Hippies, Bürgerrechtsbewegung und Anti-Vietnam-Demos seinerzeit nicht gut angesehen. Der einstige Protestsänger Dylan schien sich mit seinem Aufbruch dorthin praktisch mit der Gegenseite zu verbünden. Doch schon sein Doppelalbum „Blonde on Blonde" hatte er 1965/66 teilweise in der Country-Hauptstadt aufgenommen. Auch seine Zusammenarbeit mit Johnny Cash war nicht so unwahrscheinlich, wie sie gewirkt haben mag. Cash hatte das Schaffen des Jüngeren stets wohlwollend begleitet, ihn auch gegen die Folk-Szene in Schutz genommen, die seine 1965 vollzogene Hinwendung zur Rockmusik äußerst übelnahm. Dylan seinerseits machte aus seiner Verehrung für den neun Jahre älteren Rock’n’Roll-Pionier und Country-Outlaw nie einen Hehl. Er lud den 37-Jährigen, der gerade nach erfolgreichem Drogenentzug mit dem „Folsom Prison"-Live-Album ein fulminantes Comeback erlebte, als Gastmusiker zu den „Nashville Skyline"-Aufnahmen ein. Als die beiden 1969 für zwei Sessions im Columbia Studio A in Nashville zusammenkommen, ist die Rollenverteilung klar: hier der ehrerbietige Fan, dort die Ikone, die mit ihrer bestens eingespielten Band im Zweifel den Ton angibt. Das machen die nun erstmals offiziell zu hörenden Aufnahmen deutlich. Das patentierte Boom-Chicka-Boom von Cashs Band durchzieht sämtliche Takes. Das Repertoire reicht von Eigenkompositionen Dylans („One Too Many Mornings") und Cashs („Big River") über Traditionals bis hin zu frühen Rock’n’Roll-Nummern („That’s All Right, Mama", „Matchbox"), bei denen im Studio niemand Geringerer als Carl Perkins die Gitarrensoli beisteuert. Dylans notorische Kratzstimme überrascht mit einem milden Tenor-Timbre. Der Jüngere versucht, sich sängerisch mit den für ihn typischen eigenwilligen Phrasierungen zu behaupten – neben Cashs sonorem Bariton-Schwergewicht kein leichtes Unterfangen. Während man CD 1 wie ein Album durchhören kann, sind die Sessions mit Cash auf CD 2 und 3 mehr eine Art historisches Hörspiel. Die beiden Stars unterhalten sich zwischendurch, scherzen. Bei einem Jimmie-Rodgers-Medley lässt sich Dylan gar von Cash zum Jodeln animieren: „Yodel one more time for me, Bob!" Den Weg für Country-Rock gebahnt Es wird klar, warum damals nur eines ihrer Duette – „Girl from the North Country" – auf „Nashville Skyline" das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Dylan und Cash sind nicht immer textsicher, Songs werden oft einfach abgebrochen. Es herrscht entspannte Probenatmosphäre, aber selbst das Geplänkel ist bei diesem Gipfeltreffen aufschlussreich. Auf CD 3 sind als Zugabe Dylans damals viel beachteter Gastauftritt in Cashs TV-Show aus Nashville enthalten, dazu seine Coverversionen von „Ring of Fire" und „Folsom Prisom Blues" (Outtakes von „Self Portrait") sowie eine Hausmusik-Session mit Banjo-Ikone Earl Scruggs. „Travelin’ Thru" verdeutlicht, wie Dylan nach seiner Keller-Klausur mit The Band („The Basement Tapes") weiter konsequent den Weg für Country-Folk und -Rock und das heute in voller Blüte stehende „Roots"-Genre bahnt. Sein Bekenntnis zu Nashville und die amerikanische Musiktradition öffnete eine Tür, durch die ihm viele Popgrößen seiner Generation folgten. Nicht zum ersten Mal.

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