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Im Oktober soll es losgehen: Mohammad Osman, Rosalie Kirchner, Rebecca Budde de Cancino, Ibrahem Khilli sowie die Alarmtheater-Leiter Dietlind Budde und Harald Otto Schmid (v.l) freuen sich auf die Theaterreise nach Südamerika. Foto: Peter Unger - © Peter Unger
Im Oktober soll es losgehen: Mohammad Osman, Rosalie Kirchner, Rebecca Budde de Cancino, Ibrahem Khilli sowie die Alarmtheater-Leiter Dietlind Budde und Harald Otto Schmid (v.l) freuen sich auf die Theaterreise nach Südamerika. Foto: Peter Unger | © Peter Unger

Alarmtheater-Tournee Auf nach Brasilien !

18 Akteure des Alarmtheaters reisen im Oktober nach São Paulo. Im Gepäck haben sie ihr Straßenstück „Schutzschilde“. Doch es fehlt noch an Förderern

Heike Krüger
21.09.2019 | Stand 26.09.2019, 11:56 Uhr

Bielefeld. Am Anfang stand ein Buchprojekt von Rebecca Budde de Cancino über das Alarmtheater. Gemeinsam mit einer brasilianischen Künstlerin hatte die Tochter der Alarmtheater-Leiter Dietlind Budde und Harald Otto Schmid ein Text- und Fotobuch erstellt über die freie Bühne an der Gustav-Adolf-Straße, die immer wieder mit ungewöhnlichen Produktionen, oft an ungewöhnlichen Orten von sich reden macht. Dann kam ein Besuch der brasilianischen Partner in Bielefeld im Sommer 2018: Soledad Yunge und Antonio Serzedello, Leiter des Theaters Cia. Arthur-Arnaldo in São Paulo, und weitere Akteure waren Gäste im Alarmtheater. Kristallisationspunkt dieses Besuchs aber war neben dem künstlerischen Austausch eine gemeinsame Inszenierung: „Schutzschilde", die Geschichte einer mutigen Aktion von Friedensaktivisten feierte als Straßenstück in Bielefeld Premiere. Unter Beteiligung des internationalen Jugendensembles des Alarmtheaters. Die Aufführungen sollen auf Portugiesisch laufen Angelehnt an die literarische Vorlage „Escudos Humanos" von Patricia Portela geht es in der eindrucksvollen Adaption des Alarmtheaters um eine Gruppe Jugendlicher, die voller Hoffnung aufbricht, um den Krieg, den ihr Land aus fadenscheinigen Gründen einem anderen Land erklärt hat, zu verhindern. Die jungen Leute bieten sich dem bedrohten Land als menschliche Schutzschilde an. Uraufgeführt wurde die Produktion unter großem Beifall am 1. September 2018 auf dem Klosterplatz. Es sei ein Stück „über den naiven Mut junger Menschen, ihren ansteckenden Frohsinn, über ihr Recht auf Zukunftsgestaltung, die Etappensiege ihrer Protestbewegung und ihr am Ende so furchtbares Scheitern", schrieb die Rezensentin der NW in ihrer Nachbetrachtung. Heute, angesichts von Flüchtlingsbewegungen und Klimastreik, dem lauter werdenden Protest der nachwachsenden Generation auf von Erwachsenen zu verantwortende Missstände aller Art, erhält die Produktion neue Aktualität. "Die politische Lage in Brasilien macht unsere Botschaft noch aktueller" „Das Stück ,Schutzschilde’ frage nicht nur danach, wofür es sich lohnt zu kämpfen. Es frage vielmehr danach, wie dieser Kampf aussehen könne", heißt es im Programmheft. In Bielefeld und auf einer Tournee im August diesen Jahres durch Städte NRWs kam die Inszenierung gut an. Nun sollen die Idee und das Stück nach Brasilien getragen werden. Gemeinsam mit dem Ensemble der Cia. Arthur-Arnaldo sind fünf Aufführungen in São Paulo zwischen dem 10. und 27. Oktober geplant. Die Texte dafür lernen die Akteure momentan unter Hochdruck – auf Portugiesisch. „Wir freuen uns riesig auf diese Chance. Die Tatsache, dass wir es mit Brasilien inzwischen auch mit einem Land zu tun habe, das schwierige politische Verhältnisse aufweist und droht in die Autokratie abzustürzen, macht unsere Botschaft umso aktueller", sagt Dietlind Budde, die gemeinsam mit Harald Otto Schmid seit nun 25 Jahren das Alarmtheater leitet. Eine unerwartete Finanzlücke von 5.000 Euro tat sich auf 18 Leute, 14 Europalettentürme, etliche Kostüme und Requisiten – all das geht auf Reisen. Das Goethe Institut schuf den organisatorischen Rahmen mittels einer Einladung nach Brasilien. Eine auf zwei Jahre angelegte Austauschförderung des Landes NRW für das Projekt „Schutzschilde" deckt einen Großteil der Kosten. Allerdings ist plötzlich eine unerwartete Finanzierungslücke von 5.000 Euro für die Flugtickets aufgetreten. Deshalb ruft das Alarmtheater, geübt in Sachen Krisenmanagement, jetzt zu einer spontanen Spendenaktion auf. Harald Otto Schmid: „Wir fahren auf jeden Fall. Aber wir wären doch froh, wenn uns möglichst viele Menschen helfen würden, die Kosten zu schultern." Die jungen Akteure des internationalen Ensembles brennen vor Erwartung und Vorfreude. Dennoch ist ihnen allen klar, dass sie sich in ein Land aufmachen, in dem sich, so Budde „ein totalitäres Regime zu formieren beginnt". Gerade für einige der Teilnehmer, die erst vor wenigen Jahren selbst auf der Flucht vor Totalitarismus und Krieg waren, ist dies eine bewegende Aussicht. "Uns geht es als Künstler gut, wir können unsere Meinung sagen" Mohammad Osman, vor fünf Jahren aus Syrien nach Deutschland geflüchtet und heute beeindruckend Deutsch sprechendes und schauspielerisch enorm begabtes Ensemblemitglied, fragt sich: „Ich lebe nun in einem sicheren Land, warum riskiere ich es, in ein unsicheres zu fliegen?" Er gibt sich die Antwort selbst: „Die Brände in den Amazonaswäldern in diesem Sommer haben mir Sorgen gemacht. Darum ist es so wichtig, mit einem mutigen Stück Kultur dorthin zu gehen. Alles andere muss ich ausblenden, es geht um die Arbeit." Und Rosalie Kirchner ergänzt: „Uns geht es als Künstler gut in Deutschland, wir können unsere Meinung sagen. Deshalb müssen wir genau dahin gehen, wo man Kulturinstitute schließt." Das Ensemble versteht sich demnach als eine Gruppe im Aufbruch, die mittels Theater, Workshops und – ganz entscheidend – in der Begegnung mit den Menschen vor Ort friedensstiftend wirken will. Überglücklich wären die Theatermacher deshalb, wenn ihr Vorhaben kurzfristig noch einige Unterstützer finden würde. INFO Spenden für die Brasilienreise Eine Spende kann online unter folgendem Link vorgenommen werden: www.alarmtheater.de/de/spenden. Auf der Homepage ist auch die Bankverbindung für eine Überweisung zu erfahren.

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