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Der Schriftsteller Günter Grass (r.) und der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki im Jahr 1995. - © dpa
Der Schriftsteller Günter Grass (r.) und der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki im Jahr 1995. | © dpa

Neuerscheinung In inniger Feindschaft

Volker Weidermann schreibt in „Das Duell“ über die lebenslange „Zwangsehe“ zwischen Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki.

Welf Grombacher
16.09.2019 | Stand 16.09.2019, 09:29 Uhr

Düsseldorf. Beide haben schon ein Leben hinter sich als sie 1958 zum ersten Mal aufeinandertreffen. Marcel Reich-Ranicki hat das Warschauer Ghetto überlebt. Günter Grass als Soldat den Zweiten Weltkrieg. Angst habe er verspürt, erzählte Reich-Ranicki später über ihren ersten Kontakt. Diesem Mann habe er nicht im Dunkeln begegnen wollen. Nicht wie ein Schriftsteller habe er ausgesehen, eher wie ein „ehemaliger bulgarischer Partisan, der jetzt in Sofia als Sportfunktionär tätig“ sei. Miteinander anfangen können die beiden nichts. Als sie auseinandergehen, ist sich Reich-Ranicki sicher, dass aus dem Buch, von dem Grass erzählt hat, nichts werden wird. Reich-Ranicki hält "Die Blechtrommel" für völlig misslungen Das Buch, von dem die Rede ist, war „Die Blechtrommel“. Einer der wichtigsten Romane der Nachkriegszeit. Noch als es 1959 erscheint, hält Reich-Ranicki es für völlig misslungen, vergleicht es in seiner ersten Rezension für Die Zeit mit „Zigeunermusik“ und spricht ihm sogar ab, dass es sich um Kunst handle. Sein Kritikerkollege Joachim Kaiser kommentierte das später süffisant, Reich-Ranicki habe „schon damals vollmundig danebengelegen“. Immer wieder wird Reich-Ranicki die Bücher von Grass zerreißen. Er wird ihm attestieren, der „originellste deutsche Erzähler“ zu sein, der „größte Meister der deutschen Sprache“, seine Romane aber als misslungen erklären. „Beinahe immer scheitert er. Aber so groß wie er scheitert sonst keiner“, schreibt Volker Weidermann in „Das Duell“, in dem er die Geschichte von Grass und Reich-Ranicki erzählt, dem Großschriftsteller und dem Literaturpapst. "Ich werde ihn nicht los, er wird mich nicht los" Ihre Beziehung bezeichneten die beide gerne als „Zwangsehe“. „Es gibt Ehen“, sagte Grass, „die werden auf keinem Standesamt besiegelt und auch von keinem Scheidungsrichter getrennt. Ich werde ihn nicht los, er wird mich nicht los“. Ein Leben lang setzten sie sich zu, quälten einander. Nach dem Verriss von „Ein weites Feld“ auf dem Titel des Spiegels gaben sie sich nicht mal mehr die Hand. „Feindschaft – ein Gesellschaftsspiel“, schreibt Weidermann. Der Weidermann, der als Nachfolger Reich-Ranickis das „Literarische Quartett“ leitet und dabei nicht immer eine gute Figur abgibt. Er sollte das mit dem Fernsehen lassen. Wo er so tolle Bücher schreibt. Schon seine Biografie über Max Frisch (2010) war erquickend. „Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft“ (2014) ein Traum. Der 1969 in Darmstadt geborene Literaturkritiker weiß, wie man historische Stoffe unterhaltsam erzählt. Auch sein neues Buch sei jedem empfohlen, der sich für die Szene interessiert. Er schafft es, zwei der markantesten Stimmen der deutschen Literatur wieder auferstehen zu lassen. Der eine als Jude ein ewiger Außenseiter, den die Autoren der Gruppe 47 ebenso wenig als einen der ihren anerkennen wie die Kollegen bei der Zeit, die diesen „machtbewussten, rabulistischen Mann“ nicht im Haus haben wollen. Der andere ein ewiger Moralapostel, der das Geheimnis seiner Mitgliedschaft in der SS ein Leben lang mit sich herumträgt, bis er es 2006 endlich doch noch rauslässt. Volker Weidermanns „Duell“ ist exzellent Sicher, ein dankbarer Stoff. Sind doch beide Charakterköpfe und haben viel Autobiografisches hinterlassen, was die Arbeit erleichtert. Trotzdem muss man alles erst mal so mühelos ineinanderfügen. Volker Weidermanns „Duell“ ist exzellent. Doppelporträt, Literaturgeschichte und Roman in einem. Hervorragend recherchiert und gut aufgeschrieben. Außerdem besitzt er ein Gespür für die Anekdote, ohne sich anzubiedern. Wenn er erzählt, wie Grass bei der Trauung von Renate und Walter Jens kocht (sein Hochzeitsgeschenk) und Reich-Ranicki die Mitternachtssuppe ungenießbar, abscheulich findet. „Der Kritiker war immer im Dienst.“ Oder wenn Reich-Ranicki Jahre später zu Grass eingeladen wird und er dem Essen dort mit Grauen entgegensieht. „Mir schwante abermals Schlimmes. Doch zum Beruf des Kritikers gehört Mut.“ Statt Suppe gibt es Fisch. Wo Reich-Ranicki doch Gräten nicht ausstehen kann. Nie zuvor, berichtet er später, habe er einen Fisch mit so vielen Gräten gesehen. „Wobei ich nicht ausschließen kann, dass deren Zahl in meiner Erinnerung mit den Jahren noch gewachsen ist.“ Als 1999 der Anruf aus Stockholm kommt und Günter Grass erfährt, dass er den Literaturnobelpreis erhält, geht er erst mal zum Zahnarzt, wo er lang schon einen Termin hat. Reich-Ranicki erfährt die frohe Botschaft in Zürich im Taxi und sagt zu seiner Frau Teofila: „Na also, endlich! Es ist gut so, dass er den Preis bekommen hat.“ Und ein bisschen, davon ist der Kritiker fest überzeugt, hat auch er dazu beigetragen. Volker Weidermann: Das Duell. Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki. KiWi, 320 Seiten, 22 Euro.

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