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Theater Agentin für Diversität an Bielefelder Bühnen

Neue Position: Michelle Bray kümmert sich seit Mai um die interkulturelle Öffnung des Theaters nach innen wie nach außen

Heike Krüger
11.07.2019 | Stand 11.07.2019, 12:56 Uhr

Bielefeld. Das Theater Bielefeld geht neue Wege und öffnet sich mit Nachdruck der kulturellen Vielfalt – nach innen wie nach außen. Seit Mai bekleidet die 32-jährige Michelle Bray die exotisch klingende Position einer „Agentin für Diversität“ an dem Bielefelder Haus, das sich zu Recht rühmt, Menschen aus 34 verschiedenen Nationen zu beschäftigen. Damit ist sie an den Theatern Ostwestfalen-Lippes die einzige mit diesem Stellenzuschnitt. Die Position wurde möglich mittels einer Förderung des 360°-Programms der Kulturstiftung des Bundes, um die sich die Bielefelder Bühnen beworben hatten. Bundesweit hat die Stiftung 39 Kultureinrichtungen eine Zusage erteilt, die sich für mehr Diversität öffnen, neue Teilhabekonzepte entwickeln und die interkulturelle Vielfalt der Gesellschaft für sich nutzen wollen. Brays Stelle in Bielefeld ist zunächst auf vier Jahre angelegt. Auf der Bühne nur mit Akzent gesprochen Dass der Bielefelder Kulturtempel eine solche Position für wichtig hält, liege an dessen „Vision, dass Theater als Impulsgeber für Kunst, Kreativität und ein friedliches Miteinander eine Vorbildfunktion für die Stadtgesellschaft hat“, so Theater-Pressesprecherin Nadine Brockmann. Die kulturelle Vielfalt der sich verändernden Stadtgesellschaft solle sich stärker in Programm, Personal und Publikum widerspiegeln, lautet das Credo. Michelle Bray, Tochter einer Deutschen und eines US-Amerikaners, scheint die perfekte Besetzung zu sein. Sie stammt aus der Pfalz, wurde dort nach dem Abitur und einem freiwilligen kulturellen Jahr an einer Bühne mit dem Theatervirus infiziert. Da lag es nahe, zunächst Schauspiel zu studieren. „Das ist ein guter Weg, um die Institution Theater zu verstehen“, sagt sie. Partzi Partizipative, interkulturelle Theaterprojekte mit Jugendlichen Engagements führten sie zunächst nach Aachen, dann nach Bautzen. Dort stellte sie fest: „In Deutschland spielt es eine Rolle, ob man eine schwarze Schauspielerin ist oder nicht.“ Oft klischeehaft, so scheint es, werden noch immer viele Rollen besetzt – „südländisch“ aussehende Menschen geben entweder exotische Liebhaber, Flüchtlinge oder Ganoven, auf jeden Fall aber verkörpern sie oft eher unterprivilegierte Menschen. Im Studium, so die dunkelhäutige junge Frau, sei ihr von Dozenten prophezeit worden: „Du wirst keine Jobs kriegen und kannst nur hoffen, anderweitig vermittelt zu werden.“ In den ersten zwei Jahren habe sie auf der Bühne nie hochdeutsch gesprochen, stets mit Akzent. Nie habe sie einfach nur eine alltägliche junge Frau spielen dürfen. Ihre dunklere Hautfarbe musste offenbar stets für eine Problemlage, einen Konflikt, eine kulturelle Zuschreibung herhalten. Dann habe sie angefangen, sich mit Diversität zu beschäftigen. „Als im Herbst 2016 geflüchtete Männer durch Bautzen gejagt wurden, war für mich der Zeitpunkt gekommen, selbst aktiv zu werden“, erzählt sie. Sie habe nicht mehr selbst auf der Bühne stehen, sondern partizipative, transkulturelle Projekte anschieben wollen. Theaterprojekte mit Jugendlichen, die Mitwirkung am Aufbau eines theaterpädagogischen Begegnungszentrums folgten. „Ich wollte nicht mehr in Sachsen leben“ Trotzdem sei eines Tages für sie der Moment gekommen, „an dem ich nicht mehr in Sachsen leben wollte“, der gesellschaftlichen Stimmung gegenüber Zuwanderern und der latenten Fremdenfeindlichkeit wegen. Die Ausschreibung zum 360°-Programm kam wie gerufen. Sie sei froh, nun in Bielefeld, in einem „ausgesprochen offenen und wertschätzenden Klima“ am Ausbau der interkulturellen Thematik arbeiten zu können. Zunächst hat Bray natürlich das Haus und dessen Akteure kennengelernt, nun gehe es an die Entwicklung einer Diversity-Gesamtstrategie. Bislang, bestätigt Theatersprecherin Brockmann, habe man vor allem projektbezogen, wie etwa in „Parallele Welten“ oder Musiktheater-Uraufführungen wie „Malala“, in die Jugendliche aus Bielefeld und aller Welt eingebunden sind, am interkulturellen Thema gearbeitet. Da sei also noch Luft nach oben, auch im Hinblick auf die Zuschauer. An fast allen Theatern in Deutschland, bedauert Michelle Bray, spiegele das Publikum die Vielfalt der Stadtgesellschaft nicht ausreichend wider. Das müsse sich ändern. Der Anfang ist gemacht. Michelle Bray ist angekommen in der Stadt am Teuto, die sie „sehr spannend“ findet, auf angenehme Weise durchmischt und ohne klassisch-abgeschottete Migranten-Viertel. „Ich bin gespannt darauf, was ich in den vier Jahren bewegen kann, und freue mich auf einen Dialog, in dem sich alle wertgeschätzt und sicher fühlen können.“

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