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Komplikationen: Die jungen Mediziner Anni (Mala Emde)  und  Artur (Artjom Gilz) sorgen sich um ihr Baby. - © ARD/Julie Vrabelova
Komplikationen: Die jungen Mediziner Anni (Mala Emde)  und  Artur (Artjom Gilz) sorgen sich um ihr Baby. | © ARD/Julie Vrabelova

Fernsehen Mediziner unterm Hakenkreuz: Die Serie "Charité" geht weiter

Der temporeiche Sechsteiler ist in der ARD-Mediathek abrufbar und wird ab 19. Februar in der ARD ausgestrahlt

Anke Groenewold
18.02.2019 | Stand 18.02.2019, 15:31 Uhr

Bielefeld. Mit einem großen Zeitsprung und einer neuen Besetzung vor und hinter den Kulissen setzt die ARD ihre erfolgreiche historische Krankenhausserie "Charité" fort. Spielte die erste Staffel 1888, so zeigt die zweite den Alltag in der berühmten Berliner Klinik im Nationalsozialismus. Ferdinand Sauerbruch ist der Star-Mediziner der sechs Folgen, die die ARD ab Dienstag, 19. Februar, ausstrahlt. Wir geben einen Überblick über die Story, die Figuren, den historischen Hintergrund und interessante Details. "Ich hab' so Angst, Frau Doktor" Jawohl, Frau Doktor. Seit dem Kaiserreich hat sich viel verändert. Frauen haben sich zum OP-Tisch vorgekämpft. Weibliche Hauptfigur der Staffel ist die forsche, 25-jährige Medizinstudentin Anni Waldhausen (Mala Emde), eine fiktive Figur. Sie und ihr Mann Artur (Artjom Gilz), ebenfalls Arzt, sind funktionierende Kinder der Diktatur, die ihr erstes Baby erwarten. Mit Margot Sauerbruch (Luise Wolfram) schwingt noch eine weitere Frau das Skalpell. Der Krieg Die Serie spielt in den Jahren 1943 bis 1945. "Ich komme aus der Hölle", sagt der Sohn des Star-Chirurgen Ferdinand Sauerbruch, der gelbsüchtig in der Charité eingeliefert wird. "Papa, der Krieg ist verloren". Ein Satz, den auszusprechen lebensgefährlich ist. Zumal die linientreue NS-Krankenschwester Christel ihre Ohren und Augen überall hat. Dunkelstes Kapitel der Medizingeschichte Menschenversuche, Zwangssterilisationen und Krankenmorde: Viele Mediziner brachen im Nationalsozialismus ihren hippokratischen Eid, Kranke zu heilen und Patienten nicht zu schaden. Sie wurden zu willigen Vollstreckern der NS-Rassengesetze, wirkten aktiv an den Verbrechen mit oder nahmen sie schweigend hin - auch an der Charité. Das fiktive Serienpaar Anni und Arthur hat die nationalsozialistische Gesundheitsideologie verinnerlicht. Skrupellos testet Artur einen Impfstoff gegen Tuberkulose an behinderten Kindern. "Und wenn es Karin wäre?", fragt Anni mit Blick auf ihre kranke Tochter. Der umstrittene Star-Chirurg Der berühmteste Mediziner der Staffel ist Ferdinand Sauerbruch. Ulrich Noethen spielt ihn als charismatischen, humorvollen Choleriker, der Hitler für "unzweifelhaft verrückt" hält. Sauerbruch ist bis heute umstritten. Die Serie könnte die Debatte über ihn wieder neu aufrollen, zeichnet sie doch ein tendenziell eher positives Bild Sauerbruchs. 1933 unterschrieb Sauerbruch ein "Bekenntnis" deutscher Professoren zu Hitler. Er war ein williges Aushängeschild der Diktatur, was die Serie auch deutlich macht. Der NSDAP trat er nicht bei. Wie viel Sauerbruch über die Verbrechen im Namen der Medizin wusste, ist umstritten. Dass er zumindest ansatzweise von Menschenversuchen erfuhr, ist belegt. Eine historische Kommission der Stadt Hannover kam 2015 zu dem Schluss, dass Sauerbruch „aktiv die Taten des NS-Unrechtssystems unterstützte". Damit ist das Bild aber nicht vollständig. Punktgenau zum Serienstart ist das Buch "Ferdinand Sauerbruch und die Charité" (Europa Verlag) erschienen. Darin unternimmt der Historiker Christian Hardinghaus die "Rehabilitierung des zu Unrecht als NS-Täter bezeichneten Mannes", wie er sagt.  Hardinghaus stützt sich dabei auf das Tagebuch des elsässischen Arztes Adolphe Jung, den die Nazis für die Charité zwangsverpflichteten. Sauerbruch werde in dem Tagebuch beschrieben "als ein Mann, der Hitler zutiefst verabscheute, der bis Kriegsende Juden in seiner Klinik versteckte und der Menschen, die von der Gestapo gesucht wurden, zur Flucht verholfen hat. In der oppositionellen Mittwochsgesellschaft hatte Sauerbruch einen stärkeren Einfluss als bisher angenommen. Er wusste um das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 und deckte die Verschwörer rund um Stauffenberg", sagt Hardinghaus. Diese Erkenntnisse finden auch in der Serie ihren Niederschlag. "Diese Quellen werfen ein neues Licht auf den zerrissenen und zwiespältigen Charakter Sauerbruchs", erklären die "Charité"-Drehbuchautorinnen Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann. "Genau wie alle anderen Figuren dieser Staffel kann er den Widerspruch zwischen medizinischem Ethos und ideologischen Zumutungen immer weniger aushalten" - er sei weder Halbgott in Weiß, noch Nazi-Arzt. Aber auch einer, der nicht genau hinsehen will, legt die Serie nahe. Diabolischer Psychiater in Uniform Eine "gelungene Gesundpaarung", schwärmt Maximilian de Crinis (Lukas Miko) angesichts des Paares Anni und Artur. 1938 wurde das NSDAP- und SS-Mitglied Chef der Charité-Psychiatrie. De Crinis ist maßgeblicher Organisator von „Aktion T4", der 70.000 geistig und körperlich behinderte Menschen zum Opfer fielen. In der Serie ist er Annis Doktorvater. Lukas Miko zeichnet den Österreicher als diabolischen Typen mit öligem Schmäh. Dialog mit Nachhall "Mein Mann ist kein Nazi. Er ist Arzt, kein Politiker", sagt Margot Sauerbruch. "In diesen Zeiten ist alles politisch", kontert Adolphe Jung, ebenfalls Arzt. Schwul und verfolgt Martin Schelling (Jacob Matschenz) ist ein engagierter Chirurgie-Pfleger und ein leuchtendes Beispiel Sauerbruchscher Chirurgen-Kunst. Nach einer Verletzung an der Front musste ihm Sauerbruch das linke Bein unterhalb des Knies amputieren. Martin hat ein Geheimnis, von dem niemand erfahren darf: Er ist schwul. Homosexuellen drohten im "Dritten Reich" Haft, Kastration und Konzentrationslager. Martin gerät in Panik, als Annis Bruder Otto (Jannik Schümann) ihn küsst. Aber die Liebe ist stärker als die Angst. Operationen Keine Krankenhausserie ohne blutige Eingriffe - diesmal gibt es unter anderem eine Beinamputation mit Säge, eine Operation am Hirn sowie die Entfernung von Granatsplittern aus der Lunge - aber bitte ohne Magnet, wie Experte Sauerbruch dem medizinischen Nachwuchs einschärft. Und über die Funktionsweise der Sauerbruch-Hand ist man am Ende auch im Bilde. Schwangerschaftstest Ist Sauerbruchs Sekretärin schwanger oder nicht? Ärztin Margot Sauerbruch weiß eine sichere Methode, das festzustellen. Sie benötigt dafür einen Frosch. Bereits in den 1940er Jahren wurden Frösche in Apotheken als "Schwangerschaftstests" verwendet. Die Methode war bis 1960 im Einsatz. Pervitin Ein Soldat, der unter dem Verdacht steht, sich an der Front selbst verstümmelt zu haben, nimmt aus Verzweiflung eine Überdosis Pervitin, ein Vorläufer von Chrystal Meth. Das Methamphetamin, auch "Panzerschokolade" genannt, wurde großzügig als "Muntermacher" an die Wehrmachtssoldaten verteilt. Nebenwirkungen: Anhängigkeit, Wahnvorstellungen, Depression. Wozu dient die Droge in der Charité? Sie wird verwundeten Soldaten verabreicht, die Entzug schieben. Magda Goebbels macht einen Witz Ihr Mann, Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels, werde Kaulquappe genannt, verrät Patientin Magda Goebbels der Jungmedizinerin Anni: "Großmaul mit Schwanz - aber erzählen Sie das nicht weiter, darauf steht Todesstrafe." Weihnachtliches Gesangs-Battle Zu Weihnachten findet sich das Team der Charité zusammen, um "Stille Nacht, Heilige Nacht" zu singen. Die glühende NS-Anhängerin Christel versucht, die nazifizierte Version des Klassikers zu singen, andere im Saal halten mit dem Original dagegen. Auch so kann Widerstand aussehen. Fazit Mit der zweiten Staffel haben sich die Macher viel vorgenommen. Die Nazizeit in einer Krankenhausserie  zu spiegeln, ist eine Herausforderung. Das gelingt passabel, die Serie ist spannend und informativ. Man wünscht sich den Mut zu mehr Folgen, mehr Zeit, mehr Tiefe, mehr Geld  - für ausgefeiltere Charaktere und Handlungsstränge, für mehr Intensität, weniger Hektik und eine opulentere Optik. Ulrich Noethen und Mala Emde glänzen als widersprüchliche Figuren und tragen die sehenswerte Serie. Um sie herum schwirrt ein Ensemble, das unterfordert bleibt.  Acht, Spoiler: Anni zieht es nach dem Krieg nach Bethel. Termine In der ARD-Mediathek ist die 2. Staffel von "´Charité" bereits zu sehen. Im Fernsehen startet sie am Dienstag, 19. Februar, mit einer Doppelfolge. Im Anschluss um 21.45 Uhr ist die begleitende Dokumentation "Die Charité - Medizin unterm Hakenkreuz" zu sehen. Die weiteren vier Episoden der Kliniksaga laufen immer dienstags um 20.15 Uhr.

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