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Boyband aus Berlin: Die drei Jungs von „Frau Rotkohl“ waren brillant flach und warfen sich die wortakrobatischen Bälle nur so zu. Foto: Bernd Kuhn - © Bernd Kuhn Photographic Art
Boyband aus Berlin: Die drei Jungs von „Frau Rotkohl“ waren brillant flach und warfen sich die wortakrobatischen Bälle nur so zu. Foto: Bernd Kuhn | © Bernd Kuhn Photographic Art

Kultur Bielefelder Kabarettpreis an „Frau Rotkohl“

Achim Borchers
26.02.2018 | Stand 25.02.2018, 17:39 Uhr

Berliner Trio überzeugt die Jury in Zweischlingen und sichert sich die Pudding-Trophäe. Auch der Publikumspreis geht an die Spree Vor der Show sagte ein langjähriger kundiger Begleiter des Events in Zweischlingen noch: „Am Ende gewinnt immer der mit dem Klavier“. Überraschung also, heute nicht. Hätte auch anders laufen können, war okay so. Bis es allerdings dazu kam, brauchte es gut zweieinhalb Stunden angewitzter Unterhaltung, die aber wie im Fluge vergingen. Das Niveau war hoch, die Spielarten vielseitig. Wie eigentlich meistens seit 1998, wenn am letzten Samstag des Februars in der Kabarett- und Kleinkunst-Institution Zweischlingen der genagelte Pudding als Preis speziell für junge Nachwuchskünstler ausgespielt wird. Nicht ganz unpassend am „Tag der Schwertschlucker“, wie Moderator Thomas Schepansky feststellte, der launig durch den Abend führte. Drei Kandidaten, die sich bereits am Vortag gegen weitere Konkurrenz durchgesetzt hatten, stellten sich mit einem jeweils 30-minütigen Programm der fünfköpfigen Jury. Das Publikum im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal war sechster Juror und bestimmte zudem den Publikumspreis. Es geht an diesem Abend viel um Tod und Gewalt Nun denn, zunächst gehörte dem Kölner Quichotte und seinem Soloprogramm „Optimum fürs Volk.“ Mit seinem Background als Poetry-Slammer, Hip-Hop-Musiker und Standup-Comedian vielleicht der variantenreichste Act des Abends. Der Einstieg „Ich hab letztens ein Reh überfahren. Gut, das ist kein Türöffner“, öffnet eben diese doch und Quichotte bringt gleichzeitig als Erster einen der prägendsten Topics des Abends auf die Bühne: Tod und Gewalt. Irgendwie. Ein erklärter Bambist will es in einer geregelten Welt nicht hinnehmen, dass anarchistisches Rotwild bereits 50 Meter vor der Wildwechsel-Warnung eine Straße überqueren möchte. Und trägt das Opfer pflichtbewusst auf Höhe des Schilds. Der Kölner schwadroniert über die Seuche, sich den Namen seines Kindes zu tätowieren, ohne zu wissen, ob es nicht mal ein Arschloch wird, und empfiehlt stattdessen, seinem Beispiel zu folgen und dem Kind den Vatersnamen zu tätowieren: „Ich weiß ja schließlich, dass ich ein Guter bin.“ Und schließt direkt ein Lied zur Gitarre an: „Gebt die Kinder ins Heim“. Ja, die gelernten Pädagogen. Es übernahm der vermeintliche Favorit Pascal Franke mit seinem Programm „Göttlich“, seinem Klavier, einem Hemd, das andere als Tischdecke benutzen und ganz viel jungenhaftem Charme. Der Frankfurter ist ein ganz hervorragender Pianist und feinsinniger Autor hintergründiger Lieder, die er gern auch mal unterbricht, um zu kommentieren, kommunizieren oder um mit Schoko-Bonbons Publikumsstimmen zu kaufen. Die Drei erweisen sich als Könige des Paarreims Gelegentlich erinnert er in Klang und Wort an die Ironie am Klavier eines Randy Newman. Die niedliche Tändelei „Am Strand“ entwickelt sich dann nach hinten raus zu einer bitterbösen Mordballade ganz im Geiste eines Georg Kreisler. Wie es überhaupt auch wieder bei Pascal Franke überdurchschnittlich viel Tote und Verletzte gibt. Der Bühnenaufbau für Kandidat drei lässt auf Rock’n’Roll schließen. Schließlich klebt ein Plektrum am Mikro, dann ist das so. Naja fast. „Frau Rotkohl“ ist weder Frau noch Rotkohl sondern eine Boyband aus Berlin, die ganz lässig ziemlich durchgeknallte Geschichten zu (Bass-)Ukulele und Gitarre aus dem Ärmel schütteln. Da machen sich Jonas, Jon und Natze gleich Feinde mit ihrer Sicht auf die „Klimakaterstrophe“ und schieben den plüschigen Gesellen gleich die Schuld an ebendieser in die Schuhe. Ihre angedachten Lösungswege (Katzen mit Luftpumpen zum Platzen bringen, Katzenklappenguillotine) fügen hier weitere Opfer der Verlustliste des Abends hinzu. „Benni mag Züge“ ist fast Dada, der Rap „Mittelstand“ kommt als bissige Replik an Möchtegern-Gangsta-Poser aus behütetem Wohlstandsumfeld und ihr Ausstieg mit „Gute Nacht, Fremde“ zur Reinhard-Mey-Melodie erzählt vom unglaublich lustigen Partycrashing bei einem 75-jährigen Berliner Liedermacher namens Reinhard. Brillant flach sind sie und Könige des Paarreims Es ist eine Freude zu sehen, wie sich die Rotkohls die wortakrobatischen Bälle zuwerfen. Ihr Gefühl für kalkulierte Impro, stolpern mit System, ist meisterhaft, genauso wie sie sich als Könige des Paarreims erweisen. Brillant flach. Nein, Lakonik, dass man etwas krampft, aber es tut gut. Während sich die Jury zur Beratung zurückzog und die Publikumsstimmen ausgezählt wurden, gehörte die Bühne Liedermacher Jakob Heymann, Teilnehmer vom letzten Jahr. Er unterhielt, außer Konkurrenz, mit mantraeskem, therapeutischem Pfeifen und servierte zudem die letzte Leiche zum Puddingdessert. Dann war es endlich Zeit für die Sieger „Frau Rotkohl“, die nicht nur den Pudding gewannen, sondern dazu auch gleich den Publikumspreis. Man war sich also einig und darf sich freuen auf einen abendfüllenden Auftritt der Berliner in nächster Zeit an gleicher Stelle. Im Preis (Pudding, nicht Eintritt) enthalten. Genauso, wie man sicher auch Pascal Franke und Quichotte erneut wohlwollend empfangen würde. Vermutlich war es knapp. Der Tag, an dem dieser Text entsteht, ist übrigens der „Tag der Schachtelsätze“. Entschuldigung.

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