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Dicht musiziert: Martin Rieker leitete die Aufführung mit Gespür für wohlgesetzte Akzente und Zäsuren. Foto: Sarah Jonek - © Sarah Jonek
Dicht musiziert: Martin Rieker leitete die Aufführung mit Gespür für wohlgesetzte Akzente und Zäsuren. Foto: Sarah Jonek | © Sarah Jonek

Kultur Matthäus-Passion beeindruckt

Nicolaikirche: Haller Bachtage gingen in Bielefeld mit Bachs Meisterwerk zu Ende. Das Publikum applaudierte lautstark und im Stehen

Christoph Guddorf
13.02.2018 | Stand 12.02.2018, 18:27 Uhr

Bielefeld. Die 55. Haller Bach-Tage haben mit ihrem zweiten Chorkonzert einen ergreifenden Ausklang in der voll besetzten Altstädter Nicolaikirche gefunden und mit Bachs dialogisch-dramatischer „Matthäus-Passion“ auf die bevorstehende Passionszeit eingestimmt. Denn die Zwiesprache spielt sich hier in einer Vielfalt ab, die ihresgleichen sucht. Ob in der Doppelchörigkeit und -orchestrierung, den vokal- wie instrumental-solistischen Passagen oder der Verflechtung von Rezitativ und Arie mit Chor sowie Chor und Choral bietet Bach hier einen dichten dramaturgisch Faden. Dass dieser vom Bach-Chor der Johanniskantorei Halle, dem Ensemble Aperto und den Solisten fast durchweg aufgenommen wird, davon zeugen die lautstarken und im Stehen gegebenen Ovationen nach dem verklungenen Schlusschor „Wir setzen uns mit Tränen nieder“. Mit nur einer kurzen Stimmpause zwischen den beiden Teilen haben Zuhörer wie Beteiligte einen musikalischen Marathon ohne „bequemes Ruhekissen“ hinter sich, den Martin Rieker mit bekanntem Gespür für wohlgesetzte Akzente und Zäsuren leitet. Das mit historischem Instrumentarium besetzte Ensemble mitsamt den Soloparts folgt ihm ausnahmslos wendig und mit anschmiegsamem Klang. Aus der Solistenriege dringen Diskrepanzen ins Ohr Bereits im Eröffnungschor kommt das lebendige Frage-Antwort-Spiel gesanglich wie instrumental äußerst plastisch zur Geltung. Wobei der Choral hier durch einige auf der „kleinen Empore“ stehende junge Frauenstimmen sich mehr in den Tuttichor hineinmischt als herauszuklingen. Überzeugend vermag der in seinen Stimmgruppen ausgewogene Bach-Chor die emotionalen Affekte und Gegensätze darzustellen – warmtönend in den betrachtenden Chören und Chorälen, schneidend scharf dagegen etwa in den Einwürfen, feurig-wütend im Doppelchor „Sind Blitze, sind Donner“, schlagkräftig in „Weissage uns“, um im darauffolgenden Choral „Wer hat dich so geschlagen“ wiederum einen hier demütig-betroffenen Kontrast zu schaffen. Aus der Solistenriege indes dringen durchaus Diskrepanzen in Sachen Stimm- und Ausdruckskraft ins Ohr. Während Evangelist Knut Schoch mit beweglich-hellem Timbre (in den Höhen etwas eng) berichtet und in den Arien auch die lyrische Linie zur Entfaltung bringt, gibt Fabian Kuhnen einen profunden, wenn auch gelegentlich etwas unbeweglichen und zu klangpotenten Christus ab. An manchen Stellen zwar arg manieriert, jedoch stets markig in Ausdruck und Stimmfarbe fällt die Artikulation des zweiten Basses Markus Flaig aus: Wirken (Seufzer-)Tonfolgen oft abgerissen, kommt vor allem im zweiten Teil die kantable Linie besser zum Tragen wie in seiner Arie „Mache dich, mein Herze, rein“. Die Mezzosopranistin Eva Stüer kann ihre expressiven Stärken vor allem in höherer Lage ausspielen, wobei ihre Stimme mit ansteigender Dynamik auch gedrückt erscheint. Letzteres trifft auch auf den Sopran Anna-Lena Schuppes zu, der für einen großen Solopart schlichtweg zu wenig tragfähig ist, um an eine dramatische Ausdruckskraft heranzureichen. Den Gesamteindruck einer ansonsten geschlossen wirkenden Aufführung trübt dies aber nicht.

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