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Kultur Launige Einblicke in Franz Liszts Leben

Rezitator Lutz Görner und Pianistin Nadia Singer zu Gast in der Oetkerhalle

Christoph Guddorf
04.03.2016 | Stand 04.03.2016, 12:09 Uhr

Bielefeld. Er ist „Rampentier", Regisseur und Schauspieler, ein geistiger Kosmopolit und reisender Künstler, ein Publizist und Lyriker für alle, der auf der Klaviatur der Poesie zu spielen versteht. Nein – nicht nur von Franz Liszt ist hier die Rede, sondern auch und im Besonderen von Lutz Görner. Seit drei Jahren geht er mit den biografischen wie musikalischen Schlaglichtern illustrer Komponisten auf die Bühne – gemeinsam mit der jungen Pianistin Nadia Singer. So wie an diesem Abend im kleinen Saal der Oetkerhalle. Etwas andere Klavierabende Görner lebt mit seiner Familie in Weimar, also in der Stadt, in der Franz Liszt 29 Jahre seines Lebens vollbrachte. Dort wohnt inzwischen auch die aus Rostow am Don stammende und nun vom St. Petersburger Pianisten Grigory Gruzman betreute Pianistin Nadia Singer, die Görner bei seinen „etwas anderen" Klavierabenden begleitet.Frischen Wind in dieses Konzertgenre hineinbringen sollen sie, diese „musikalischen Staubwedel", wieder neue Lust entfachen an oft gehörten Komponistenlegenden und Werken. Liszt war so eine Legende, ein durch die Welt reisender, unruhiger europäischer Geist, ein „ungarischer Zigeuner", der in seinem Reisepass anstelle seines Namens mit den blumigen Worten: „Durch Berühmtheit hinlänglich bekannt" ausstaffiert war. Einer der Wahlsprüche Liszts war: „Die Lebenden zuerst", was sich auch auf seine musikalische Orientierung bezog. Görner bringt die prägenden Stationen und Begegnungen dieses durch „Saus und Braus", sprich Chinin, Opium, Zigarren und Cognac „in Gang gehaltenen" Virtuosen, lebhaften Lebemanns und Frauenhelden („Die Musik ist für mich das Atemholen meiner Seele"), überzeugten Christen und späteren Geistlichen („Auch in den Armen eines Weibes kann ich Gott nahe sein!") mit dem Gespür für den Menschen Liszt launig und leise nuanciert wie gestenreich auf die Bühne. Da verzeiht man ihm gerne die ein oder andere artikulatorische Schludrigkeit. Technisch verblüffend Nadia Singer bringt indessen so manche Stücke, die damals niemand außer Liszt spielen konnte („Spanische Rhapsodie", „Ungarische Rhapsodie" Nr. 2 und 13, die Paganini-Etüde „La Campanella", die Konzertetüde „Gnomenreigen" oder auch den „Grand galop chromatique") technisch verblüffend wie erfrischend ungestüm auf die Tasten und unter die Haut. Denn neben fast grenzen- und atemlosen Technik- und Tempoauswüchsen in den Bravourstücken, die in ihrer draufgängerischen, mitunter zackigen Spielart zwangsläufig einige Misstöne produzieren, weiß sie im wohl vertrauten „Liebestraum", in der „Consolation" Nr. 3, im „Valse oubliée" oder im „keimenden Wahnsinn" (Wagner) der „Nuages gris" (einer seiner ehrgeizigen „Wurfspieße in die unbegrenzten Weiten der Zukunft") andere eigene Akzente zu setzen. Das Geheimnis Lisztscher Genialität liegt ja ohnehin in der lyrischen, klangfarblichen und inhaltlichen Ausdruckskraft inniger Momente und – wie wir unter anderem an diesem Abend lernen konnten – in der Gesellschaft weiblichen Beistands und spiritueller Eingebung.

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