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Die Autorin Bea Dieker. - © StefanFreundFotografie
Die Autorin Bea Dieker. | © StefanFreundFotografie

Kultur Buchmesse: Bea Dieker über ihren faszinierenden Familienroman "Vaterhaus"

Buchmesse Frankfurt: Der faszinierende Familienroman "Vaterhaus" ist das Debüt der 55-Jährigen aus dem Münsterland

Stefan Brams
15.10.2015 | Stand 15.10.2015, 17:07 Uhr

Auf der Frankfurter Buchmesse stellt Bea Dieker ihren faszinierenden Familienroman "Vaterhaus" vor. Im Interview sprach die Autorin über ihr Debüt. Frau Dieker, Sie sagen über sich, dass Sie mit dem Zeichenstift in der Hand zur Welt gekommen sind. Was hat Sie dazu gebracht, nun mit „Vaterhaus“ Ihren ersten Roman vorzulegen? Bea Dieker: Ich kam nicht nur mit dem Zeichenstift zur Welt, sondern, als ich anfing zu zeichnen, fing ich auch an zu schreiben. Nur dass ich das Geschriebene bis dato nicht veröffentlicht hatte. Grundsätzlich gibt es für mich aber keine Grenzen zwischen den künstlerischen Disziplinen. Ich arbeite gleichermaßen mit Fotografie, Malerei, Zeichnung, Video, Gesang und dem Schreiben. Und nun der erste Roman. Dieker: Eigentlich neige ich zu kürzeren Texten, gelegentlich zur Lyrik. Aber dieser Text, den ich bereits 2011 geschrieben habe, ist mir förmlich aus der Hand geflossen. Er hat sich einfach ereignet. Mehr kann ich zur Entstehung gar nicht sagen. Ich war plötzlich drin in dieser Zeit der 60er und 70er Jahre. Das Vaterhaus, von dem sie erzählen und das sich ihre Erzählerin wieder vergegenwärtigt, gibt es das wirklich? Dieker: Wer schreibt, der schreibt doch über das, was in ihm ist. Und das ist eine Melange aus ganz vielen Eindrücken, Fantasien, Beobachtungen und vielem mehr. Insofern spielt es für mich keine Rolle, ob dieses Haus irgendwo existiert. Dieses Haus ist für mich eher ein Zeichen. Wofür steht denn dieses Haus, das von seinen Bewohnern ständig um- und ausgebaut wird, nie fertig ist und zu leben scheint wie ein Organismus? Dieker: Das Buch spielt ja anfangs in den 60er Jahren. Der Krieg war ja gerade mal 15 Jahre her. Die Menschen lebten nach den Motto, wir werden jetzt wieder wer, jetzt schauen wir nach vorne, nicht zurück, wir entwickeln uns und schaffen uns ein besseres Leben und Zuhause. Mit dem ständigen Um- und Ausbau des Hauses schafft sich die Familie ein äußeres Symbol für dieses Wiederauferstehen. Allerdings wuchert es immer weiter, verselbstständigt sich wie ein Krebsgeschwür. Das Haus zerstört, was es schützen und verkörpern soll? Dieker: Letztendlich ja. Ich zeige, dass in dieser Idee, sich im Äußeren zu finden, eine große Vergeblichkeit angelegt ist. Es gibt einfach keinen Halt, das Äußere trägt die Familie nicht. Sie zerfällt, während das Haus wuchert. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, Sie waren auch bei meinem Eltern zu Hause zu Gast. Dieker: Das habe ich auch schon von anderen Lesern gehört. Eine Reaktion, mit der ich nicht gerechnet habe, möglicherweise ist es mir gelungen, etwas zu der Zeit Symptomatisches in meinem Buch anklingen zu lassen. Dass sich viele wiedererkennen, zeigt vielleicht auch, dass der Individualismus, den wir in unserer Gesellschaft so hochhalten, eher eine fragwürdige Idee ist. Die Mutter ist die große Verliererin, sie wird verprügelt von ihrem Mann, schuftet wie eine Maschine, opfert sich auf. Sie schreiben von sich „krümmend kümmern“. Wollten sie bewusst das Thema Unterdrückung der Frau platzieren? Dieker: Die Geschlechterthematik klingt an in meinem Buch. Auch zwischen den Geschwistern. Das stimmt und ich, die ich in den 60er Jahren groß geworden bin, habe das ja auch so erlebt. Ich zeige einfach, dass es so war. Gesellschaftskritik war nicht Ihr Antrieb beim Schreiben des Romans? Dieker: Mir steht nicht zu, das Leben dieser Familie zu kritisieren. Ich mache eigentlich nicht anderes, als zu zeigen. Mehr nicht. Sie erzählen und beobachten sehr präzise. Die Dinge scheinen förmlich zu leben. Sie ordnen ihnen Gefühle zu. Ein bewusstes Stilmittel? Dieker: In meinem Roman erinnert sich ja ein Kind und Kinder empfinden viele Dinge als beseelt. Diesen Zauber, den die Welt für ein Kind hat, wollte ich wiedergeben. Im Grunde schreibe ich zeichnerisch. Und mein Text muss eine Melodie, einen Rhythmus haben – auch das ist mir ganz wichtig. Was kommt nach dem Debüt? Dieker: Ein Teil des zweiten Buches war schon fertig, bevor „Vaterhaus“ auf den Markt kam. Ich arbeite daran. Es wird anders werden. Wie genau, das ist noch nicht scharf umrissen. Bea Dieker: „Vaterhaus“, 111 S., Verlag Jung und Jung, Salzburg und Wien 2015, 16,90 Euro.

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