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Vielen Frauen haben Probleme eine Hebamme zu finden. - © picture alliance
Vielen Frauen haben Probleme eine Hebamme zu finden. | © picture alliance

Ausbildungsreform Hebammenschulen warnen vor Versorgungslücken in OWL

Geburtskliniken fordern einen Hochschulstandort in der Region, um Engpässe zu verhindern. Die Katholische Hochschule NRW zeigt Interesse, doch die Landesregierung in NRW lässt mit einer Entscheidung auf sich warten. Das spüren vor allem die Bewerberinnen und die Hebammenschulen.

Carolin Nieder-Entgelmeier
14.08.2019 | Stand 15.08.2019, 08:13 Uhr

Minden/Paderborn. Die Hebammenausbildung in Deutschland wird reformiert. Statt drei Jahre eine Hebammenschule zu besuchen, müssen angehende Geburtshelfer künftig ein duales Studium absolvieren. Geburtskliniken in der Region befürchten durch die Reform, dass die aktuell noch dezentral organisierte Ausbildung künftig zentralisiert und sich auf wenige Hochschulstandorte in Ballungsgebieten konzentrieren wird. Um Versorgungslücken zu verhindern, fordern Kliniken deshalb einen Hochschulstandort in OWL. Möglich machen möchte das die Katholische Hochschule NRW, doch die Landesregierung lässt mit einer Zusage auf sich warten. Bereits jetzt klagen viele Geburtskliniken über einen Personalmangel in der Geburtshilfe. Erst kürzlich musste das Klinikum Herford den Kreißsaal für fünf Tage schließen. „Das Problem wird sich verschärfen, wenn künftig keine Hebammen mehr in OWL ausgebildet werden", warnt der Pflegedirektor des Klinikums, Bastian Flohr. Die letzten Hebammenschülerinnen starten 2021 in OWL Mit der Akademisierung der Hebammenausbildung will die Bundesregierung den Beruf attraktiver machen und angehende Hebammen besser auf die steigenden Anforderungen vorbereiten. Bislang werden Hebammen an entsprechenden Schulen ausgebildet. In OWL gibt es zwei Standorte in Minden und Paderborn, die Ende 2021 die letzten Schülerinnen aufnehmen dürfen. „Die Aufwertung des Berufs ist im Grundsatz richtig, wird aber vermutlich dramatische Auswirkungen auf die personelle Versorgung in den Geburtskliniken in OWL haben", erklärt der Direktor der Akademie für Gesundheitsberufe der Mühlenkreiskliniken, Oliver Neuhaus. „Deshalb muss die Region alles daran setzen, damit Hebammen weiterhin in OWL ausgebildet werden." Davon ist auch der Leiter des St. Vincenz-Campus für Gesundheitsfachberufe, Andreas Riekötter, überzeugt: „Ohne einen Ausbildungsstandort in OWL wird sich die ohnehin schon brenzlige Situation für werdende Mütter weiter verschärfen, denn viele Hebammen bleiben nach der Ausbildung der Region treu." NRW verhandelt mit zehn Hochschulen über die Hebammenausbildung Neuhaus moniert zudem: „Während mit großer Kraftanstrengung die Medizinerausbildung in den ländlichen Raum ausgeweitet wird, um einen Klebeeffekt auf dem Land zu erreichen, droht in der Hebammenausbildung genau das Gegenteil. Das wird die Versorgung in OWL verschlechtern." Nach Informationen von nw.de hat das NRW-Gesundheitsministerium mit zehn Hochschulen Kontakt, allerdings ist keine mit Sitz in OWL dabei. Die Universität Bielefeld zeigt trotz der Fakultät für Gesundheitswissenschaften und der aktuell entstehenden Medizin-Fakultät laut Sprecherin Norma Langohr kein Interesse an der Hebammenausbildung. Trotzdem besteht Hoffnung, denn die Katholische Hochschule NRW will nicht nur in Köln, sondern auch in OWL ausbilden. Katholische Hochschule plant 60 Studienplätze in OWL Die Fachhochschule möchte jeweils 60 Studienplätze in Köln und in OWL anbieten. „Wir wollen OWL bei der Ausbildung mit abdecken", bestätigt der Dekan des Fachbereichs Gesundheitswesen an der Katholischen Hochschule NRW, Wolfgang Matthias Heffels. „Geplant ist, dass wir mit den beiden Hebammenschulen in Minden und Paderborn kooperieren und irgendwo zwischen diesen beiden Städten etwas Neues aufbauen, ohne die bestehenden Strukturen zu zerstören." Doch ob es künftig überhaupt noch einen Ausbildungsstandort für Hebammen in OWL geben wird, ist noch völlig unklar. „Aktuell passiert leider wenig. Es gab Gespräche mit den interessierten Hochschulen, wir haben unsere Anträge eingereicht und warten seitdem auf ein Signal", erklärt Heffels. Nach Informationen der Neuen Westfälischen wartet das NRW-Wissenschaftsministerium auf eine Ansage von der Bundesregierung, denn die Frage der Finanzierung der neuen Studiengänge ist bislang nicht geklärt. NRW will 250 Studienplätze für Hebammen schaffen Als sicher gilt, dass NRW jährlich 250 Studienplätze für angehende Hebammen anbieten möchte. „Damit würde sich die Zahl der Ausbildungsplätze von circa 190 deutlich erhöhen", ergänzt Heffels. Als gesetzt gilt dafür aktuell jedoch lediglich die Hochschule für Gesundheit in Bochum, weil an diesem Standort bereits Hebammen in einem Modellstudiengang ausgebildet werden. Dem Landesverband der Hebammen in NRW hat das NRW-Gesundheitsministerium laut der Vorsitzenden Barbara Blomeier signalisiert, dass es in jedem Regierungsbezirk in NRW einen Hochschulstandort geben wird. „Das ist für eine flächendeckend und qualitativ hochwertige Versorgung wichtig", sagt Blomeier. Das fehlende Interesse der Hochschulen aus OWL sorgt in der Region für Irritationen. „Wir bedauern, dass die Universität Bielefeld keine Hebammen ausbilden möchte, denn die Hochschule wäre ein sehr geeigneter Partner", sagt der Leiter des St. Vincenz-Campus für Gesundheitsfachberufe, Andreas Riekötter. „Außerdem ist ein Plan B wichtig, wenn die Katholische Hochschule NRW keine Zusage für die Ausbildung in OWL erhält." Riekötter hofft auf schnelle Entscheidungen der Bundes- und Landesregierung, denn die Situation verunsichert insbesondere angehende Hebammen. „Wir brauchen dringend eine Entscheidung, denn die Bewerberinnen haben viele Fragen zur künftigen Ausbildung, die wir nicht beantworten können. Das ist sehr frustrierend." Trotz Unsicherheiten gehen die Bewerberzahlen nicht zurück Laut Bundesgesundheitsministerium dürfen die Hebammenschulen noch bis Ende 2021 Schülerinnen annehmen und diese bis Ende 2026 ausbilden. Zudem sind Kooperationen zwischen Schulen und Hochschulen als Übergangslösung bis 2030 möglich. Gleichzeitig können die Studiengänge bereits 2020 starten. „Viele Bewerberinnen fragen sich deshalb, ob sie bis zum Studienstart warten sollen", weiß Riekötter. Trotz dieser Unsicherheiten ist die Bewerberzahl nicht rückläufig. „Wir bilden jährlich 75 Hebammen aus, haben aber das 25-fache an Bewerbungen." So wie in Paderborn hat auch die Hebammenschule in Minden die Erfahrung gemacht, dass Hebammen der Region treu bleiben. „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist vielen Hebammen wichtig, auch, weil sich viele Mütter für die Ausbildung entscheiden. Deshalb sind kurze Wege nötig und das Pendeln zu einer Hochschule ins Ruhrgebiet oft schlicht nicht möglich", erklärt Neuhaus.

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