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Erinnerung: Angelika Grosch hat für die Trauerkarte ein Foto ihres Mannes Klaus ausgewählt, auf dem er lächelt. „So haben wir Klaus in Erinnerung", sagt die 69-Jährige. - © Carolin Nieder-Entgelmeier
Erinnerung: Angelika Grosch hat für die Trauerkarte ein Foto ihres Mannes Klaus ausgewählt, auf dem er lächelt. „So haben wir Klaus in Erinnerung", sagt die 69-Jährige. | © Carolin Nieder-Entgelmeier

Streit um Sterbehilfe Ein Todkranker klagt an: „Der Staat verweigert würdevolles Sterben“

Der Staat darf laut Bundesverwaltungsgericht Todkranken nicht die Möglichkeit zur Selbsttötung verwehren, doch genau das macht die Bundesregierung. Witwe Angelika Grosch erklärt, was das für Betroffene und ihre Familien bedeutet.

Carolin Nieder-Entgelmeier
13.08.2019 | Stand 14.08.2019, 10:27 Uhr

Troisdorf/Berlin. „Ihr Antrag auf Erwerb eines Betäubungsmittels zum Zweck der Selbsttötung ist abgelehnt." Mit diesem Satz endet der Kampf von ALS-Patient Klaus Grosch um ein würdevolles Ende. Als die endgültige Ablehnung seines Antrags auf ein tödliches Medikament vom Bundesinstitut für Arzneimittel im Briefkasten liegt, lebt Klaus Grosch jedoch schon nicht mehr. Um trotz der fortschreitenden Erkrankung selbstbestimmt zu sterben, entscheidet sich der 78-Jährige für palliativ begleitetes Sterbefasten. „Ein unzumutbares und unwürdiges Verhungern und Verdursten bis zum Organversagen", schreibt Klaus Grosch in seinem Nachruf, den er als Anklage gegen den Staat verfasst, der ihm verweigert in Würde zu sterben. Seine Frau Angelika hat ihn auf diesem Weg begleitet und erzählt, wie sie mit den Konsequenzen lebt. „Klaus starb diszipliniert, so wie er gelebt hat", sagt Angelika Grosch, die sich am 18. April um drei Uhr in der Früh in einem Zimmer der Palliativstation in ihrer Heimatstadt Troisdorf von ihrem Mann verabschieden muss. Klaus Grosch stirbt zwei Jahre nach der Diagnose ALS. Die amyotrophe Lateralsklerose ist eine nicht heilbare degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems. Patienten wie Klaus Grosch leiden an fortschreitenden Muskellähmungen und Schmerzen. Ohne Tabus spricht das Paar über Formen der Selbsttötung Anfang 2017 fällt Angelika Grosch erstmals auf, dass etwas nicht stimmt. „Mein Mann stolperte häufig und hatte Probleme beim Sprechen. Anfangs dachte ich noch, dass mein Mann heimlich trinkt, aber es wurde immer schlimmer", erklärt Angelika Grosch. Nach zwei Arztterminen haben sie Gewissheit: „Sie haben ALS und werden daran sterben, sagte der Arzt damals zu meinem Mann." Seine restliche Lebenszeit schätzen die Ärzte auf zwei bis fünf Jahre. Zurück zu Hause steht Klaus Grosch, der 1,90 Meter große, ehemalige Fregattenkapitän der Bundeswehr, am Kamin und weint. „Ich bin zu ihm gegangen, um ihm zu sagen, dass wir zusammen weinen und ich ihn bis zum Ende begleiten werde", sagt Angelika Grosch. Der Sterbewunsch wird zum Verwaltungsakt Die 69-Jährige hält ihr Versprechen. Auch, als ihr Mann bereits kurz nach der Diagnose über ein selbstbestimmtes Ende spricht. Nichtsahnend, dass sein Sterbewunsch zu einem Verwaltungsakt wird. „Das Thema Sterben war allgegenwärtig, weil für Klaus von Anfang an klar war, dass er nicht mit Magensonde und Luftröhrenschnitt gelähmt im Bett sterben will", erklärt Angelika Grosch. Ohne Tabus spricht das Paar über mögliche Formen der Selbsttötung. Vom Erhängen bis zum Aufschneiden der Pulsadern. „Wir haben auch über die Sterbehilfe in der Schweiz gesprochen", sagt Angelika Grosch. „Wir haben alles offen diskutiert, aber nichts kam als selbstbestimmtes und würdevolles Sterben mit Rücksicht auf die Familie in Frage." Im März 2017 fällt dann das Bundesverwaltungsgericht ein Grundsatzurteil: Aus dem Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und der Menschenwürde ergibt sich laut Gericht das Recht, selbst zu bestimmen, wie und zu welchem Zeitpunkt man sein Leben beenden möchte. Einschränkend erklärt das Gericht: Allerdings müsse diese Erlaubnis, ein tödliches Medikament für den Suizid zu erwerben, nur in Extremfällen gegeben werden. "Die Bundesregierung stellt sich über das Gerichtsurteil" Mit dem Wissen beantragt Klaus Grosch im Dezember 2018 das todbringende Präparat Natrium-Pentobarbital zum Zweck der Selbsttötung beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Klaus Grosch erfüllt die Anforderungen: Der 78-Jährige ist noch entscheidungsfähig, ist unheilbar erkrankt und hat starke Schmerzen, die zu einem unerträglichen Leidensdruck führen. Die erste Antwort auf seinen Antrag folgt nur neun Tage später. In der Antwort heißt es, dass der Antrag keine Aussicht auf Erfolg hat. „Laut Bundesverwaltungsgericht kann der Staat Todkranken nicht die Möglichkeit zur Selbsttötung verwehren. Doch genau das passiert in Deutschland. Die Bundesregierung stellt sich über das Gerichtsurteil", moniert Angelika Grosch. „Klaus wollte in Würde sterben, aber der Staat ließ ihn nicht, obwohl er unheilbar krank war." So wie Klaus und Angelika Grosch geht es auch anderen Familien. Seit dem Urteil wurden 128 Anträge beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gestellt. Bisher wurden nach Angaben einer Sprecherin 99 Anträge abgelehnt. Die übrigen Anträge seien noch in Bearbeitung. Zudem heißt es: „Jeder Antrag ist ein individueller Antrag, der sorgfältig bearbeitet wird." "Schmerzen kann man mir nehmen, das Leid nicht." Doch trotz dieser aufwendigen Prüfungen, steht das Ergebnis bereits vorher fest, denn aufgrund einer Weisung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) müssen alle Anträge von Todkranken auf Medikamente zur Selbsttötung pauschal abgelehnt werden. Das Bundesgesundheitsministerium steht dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts kritisch gegenüber, weil es nach seiner Ansicht den Staat zur Suizidassistenz verpflichtet. Spahn will bevorstehende Verfahren beim Bundesverfassungsgericht abwarten, in denen das vom Bundestag beschlossene Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung überprüft werden soll. Erst dann will Spahn die Position des Ministeriums überprüfen. Das Urteil wird dieses Jahr erwartet. Für Angelika Grosch ist die aktuelle Praxis nur schwer zu ertragen. „Statt selbstbestimmt und würdevoll zu sterben, musste Klaus einen anderen letzten Weg gehen." Am 12. April bringt sie ihren Mann zum Sterbefasten in die Palliativstation. „Es war hart für ihn zu wissen, dass er nicht wiederkommen wird." Sechs Tage lang verzichtet Klaus Grosch aus eigenem Willen auf Essen und Trinken. „Das Team der Palliativstation hat sich rührend gekümmert, aber würdevoll war dieser Abschied nicht." Angelika Grosch beschreibt, dass ihr Mann von Tag zu Tag schwächer wird. „Irgendwann konnte er sich nicht mehr richtig mitteilen." Bis wenige Tage vor seinem Tod kann Klaus Grosch noch schreiben. Angelika Grosch hat die Zettel mit den Aufzeichnungen ihres Mannes aufbewahrt. Dort steht: „Schmerzen kann man mir nehmen, das Leid nicht."

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