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Marina Neumann zeichnet mit links eine Linie nach. - © picture alliance/dpa
Marina Neumann zeichnet mit links eine Linie nach. | © picture alliance/dpa

Erziehung Zum Schreiben mit rechts gezwungen - so leiden Linkshänder lebenslang

Die Psychologin Marina Neumann hat ihre eigene Rückschulung zur linken Hand geschafft

Katharina Thiel
13.08.2019 | Stand 13.08.2019, 11:00 Uhr

Bielefeld/Berlin. Als fünfjähriges Mädchen hat Marina Neumann gern gemalt, war kreativ. Das alles änderte sich schlagartig, als die Bielefelderin eingeschult wurde. Denn in der Schule wurde die Linkshänderin dazu gezwungen, mit der rechten Hand zu schreiben. "Mit Ohrfeigen nachgeholfen" "Das hat eine ganz lange Tradition. Da wurde auch nicht lange diskutiert und mit ein paar Ohrfeigen nachgeholfen", erinnert sich die heute 67-Jährige. "Mit links schreibt man nicht", habe es damals geheißen. Doch eine Umschulung könne fatale Folgen haben, weiß Neumann aus eigener Erfahrung. Erschöpfung, Gedächtnis-und Konzentrationsprobleme, Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten, Minderwertigkeitskomplexe oder Verhaltensstörungen können dazu gehören, sagt Neumann. Der Grund: "Eine Seite ihrer Person können umgeschulte Linkshänder nicht ausleben." All diese Auswirkungen begegnen Neumann in ihrem täglichen Leben noch heute, denn seit 2002 berät die Psychotherapeutin in ihrer Praxis in Berlin Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die eine Rückschulung zu ihrer dominanten Hand anstreben. Sie selbst habe sich damals auch in ihrem Elternhaus nicht getraut, das Thema anzusprechen. "Als sechsjähriges Kind ist man viel zu jung, um zu sagen: Ich mache das nicht." Erst während des Besuchs der Oberstufe am Bielefelder Gymnasium am Waldhof (damals Bavink-Gymnasium) merkte sie: "Ich bin überfordert." Und zwar so sehr, dass sie bei ihren Lehrern durchgesetzt hat, ein Schuljahr zu wiederholen. "Das hat mir ermöglicht, ein gutes Abitur zu machen." Zehn Tage Übung Nach dem Studium an der Freien Universität in Berlin arbeitete sie zunächst fast 20 Jahre lang als Psychotherapeutin - mit rechts. 1999 wurde sie von einem Bekannten, ebenfalls ein umgeschulter Linkshänder, angesprochen: "Du bist doch eigentlich Linkshänder." Erst dann beschäftigte sie sich wieder mit dem Thema und las den Bericht einer Frau, die durch eine Rückschulung ihr Lebensgefühl wieder gefunden hatte. "Das war der zündende Funke", sagt Neumann heute. "Nach zehn Tagen Übung hatte ich das Gefühl: Ich schreibe nicht mehr mit rechts." Ein Jahr später hatte sie ihre Schrift gefunden. "Die Rückschulung auf links erlebte ich als körperliche und psychische Befreiung." Sie habe ihr dazu verholfen, ihre Berufung zu finden, "nämlich andere Betroffene darin zu unterstützen, ihre angeborene Linkshändigkeit wieder zu entdecken und zu leben." Rückschulung ist möglich Nahezu jeder sei in der Lage, sich das Schreiben mit der linken Hand wieder beizubringen. "Voraussetzung ist der eigene, freie Wunsch danach", so Neumann. Ihre bisherigen Patienten seien zwischen 7 und 77 Jahren alt gewesen. Wie lange die Rückschulung dauere, sei altersabhängig. "Kinder brauchen wenige Monate, bei Erwachsenen dauert es länger." Was bei allen gleich ist: Um nicht im Schul- oder Arbeitsalltag vor Probleme gestellt zu werden, sollten sich die Betroffenen Urlaub nehmen oder den Start der Rückschulung in die Ferien legen. Dann können sie, stets unter Anleitung, damit beginnen, buchstabenähnliche Nachzeichnungen anzufertigen. "Die Umstellung auf Links ist der erste Schritt zu einer anderen Körperwahrnehmung", sagt Neumann. Sie möchte all den anderen Menschen, die in jungen Jahren eine Umschulung erfahren haben, Mut machen. Wie viele das jedoch sind, kann sie nicht sagen: "Die Dunkelziffer ist wahnsinnig hoch." Den Schritt zu wagen, habe sich für sie gelohnt: "Ich habe nie eine Sekunde bereut, dass ich das gemacht habe", so die 67-Jährige.

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