Geräusche, die belasten: Schlürfen, Nägelkauen, Schmatzen oder das Klicken eines Kugelschreibers treibt viele Menschen zur Weißglut. - © picture alliance
Geräusche, die belasten: Schlürfen, Nägelkauen, Schmatzen oder das Klicken eines Kugelschreibers treibt viele Menschen zur Weißglut. | © picture alliance

Bielefeld Misophonie: Wenn Geräusche in den Wahnsinn treiben

Schmatzen, Schlürfen, Schniefen: Eine Studie der Psychotherapie-Ambulanz der Universität Bielefeld untersucht Misophonie. Der Hass auf Geräusche quält manche Menschen so sehr, dass ihre Lebensqualität leidet.

Carolin Nieder-Entgelmeier

Bielefeld. Die Familie am Esstisch, die Kollegen im Büro oder Fremde in der Straßenbahn – jeder kennt Menschen, die ständig Schmatzen, Schlürfen oder Schniefen und mit ihrer Rücksichtslosigkeit Mitmenschen in den Wahnsinn treiben. Viele Menschen reagieren darauf mit Ekel, Entnervung oder Wut, doch es gibt auch Menschen, die unter bestimmten Geräuschen so sehr leiden, dass die Lebensqualität leidet. Wenn Geräusche dauerhaft zu Belastungen führen, wird das als Misophonie bezeichnet, den Hass auf Geräusche. Um mehr darüber zu erfahren, untersucht eine Studie der Psychotherapie-Ambulanz der Universität Bielefeld Misophonie. Das Team sucht noch Probanden. Bislang gibt es nur wenige Erkenntnisse über das Phänomen Misophonie und genau das wollen Sarah Hommel, Ellen Bürger und Hanna Kley von der Psychotherapie-Ambulanz ändern. „Viele Menschen reagieren genervt auf bestimmte Geräusche oder Bewegungen. Es gibt aber auch Menschen, die so stark darunter leiden, dass sie ihr Leben einschränken", erklärt Kley, geschäftsführende Leiterin der Psychotherapie-Ambulanz. Menschen, die an Misophonie leiden, berichten von unterschiedlichen Auslösern, wie Kauen, Schniefen, Husten oder wiederholtem Wippen mit dem Fuß. „Darauf reagieren sie mit starkem körperlichen Unbehagen und extrem negativen Gefühlen. Dann möchten Betroffene am liebsten weglaufen oder den Verursachern an den Kragen gehen", erklärt Kley. Für Misophonie müssen jedoch noch andere Faktoren zutreffen. "Betroffene meiden öffentliche Verkehrsmittel" „Als Folge der Abscheu müssen sich die Betroffenen in ihrem Leben belastet und eingeschränkt fühlen. Das kann sich darin äußern, dass bestimmte Situationen vermieden werden oder nur unter starker Anspannung ertragen werden." Betroffene meiden laut Kley zum Beispiel öffentliche Verkehrsmittel, Kinos oder Restaurants und sind bereits bei dem Gedanken an das nächste Familienessen oder die Schicht mit dem schmatzenden Kollegen angespannt. „Dadurch kann sogar das Familienleben oder die Beziehung zum Partner belastet sein", weiß Kley. Kley rät Betroffenen, sich zu fragen, ob die Geräusche oder Bewegungen im Vergleich zu anderen Menschen heftigere Reaktionen in einem hervorrufen, wodurch die persönliche Lebensqualität einschränkt wird. „Denn nicht jeder, der von Geräuschen oder Bewegungen genervt ist, leidet an Misophonie." Um mehr über die Symptome und Belastungen zu erfahren suchen Kley und ihr Team Probanden für ihre Studie, die sich selbst als Betroffene einer Misophonie erleben. „Der Hauptteil der Studie ist ein ausführliches Interview in der Psychotherapie-Ambulanz. Das Interview enthält zum einen Fragen zu Reaktionen auf Geräusche und den daraus entstehenden Belastungen." Um zu erfahren, ob Probanden neben der Geräuschempfindlichkeit zusätzlich unter weiteren Belastungen leiden, werden sie zudem nach psychischen Symptomen befragt, wie Schlafschwierigkeiten, Stimmung, Ängsten oder auch körperlichen Beschwerden. „Diese Informationen sind wichtig für uns, weil noch unklar ist, ob Misophonie eine Begleiterscheinung einer psychischen Erkrankung ist oder eine eigene Erkrankung", erklärt Kley. Misophonie ist noch keine klassifizierte Krankheit, auch Behandlungsmethoden sind nach Angaben psychologischen Psychotherapeutin sehr begrenzt. „Um das langfristig zu ändern, müssen wir zunächst mehr über das Phänomen erfahren und führen deshalb Interviews mit Betroffenen."

realisiert durch evolver group