Immer mehr, immer besser: Selbstoptimierung ist ein regelrechter Trend in der Gesellschaft. - © picture alliance / Bildagentur-online/Tetra Images
Immer mehr, immer besser: Selbstoptimierung ist ein regelrechter Trend in der Gesellschaft. | © picture alliance / Bildagentur-online/Tetra Images

Interview Was es mit uns macht, wenn wir uns und unser Leben ständig verbessern wollen

Selbstoptimierung: Dr. Diana Lindner erklärt, woher der Hang kommt, sich selbst zu vermessen - und was das für Auswirkungen haben kann

Leandra Kubiak

Bielefeld. Gesund leben, ein guter Vater oder eine gute Mutter sein, im Job das Optimale aus sich herausholen: Selbstoptimierung ist ein regelrechter Trend geworden. Dabei geht es nicht nur darum, Familie und Beruf gerecht zu werden, sondern zum Beispiel auch um die eigene Fitness und einen gesunden Lebensstil. Soziologin Dr. Diana Lindner forscht in einem interdisziplinären Forschungsprojekt zur Selbstvermessung und deren Auswirkungen.

Effizienzorientierung kennt man aus der Wirtschaft. Sie ist aber längst auch im privaten Bereich angekommen, oder?
Dr. Diana Lindner:
Das stimmt. In den letzten 20 Jahren ist der Wettbewerbsdruck in der Wirtschaft im Zuge der Globalisierung stärker geworden.
Leistungsorientierung nimmt einen immer größeren Raum ein und das ist auch auf den privaten Bereich übergegangen. In der Arbeitssoziologie hat man das bereits in den 1990er Jahren beobachtet. "Verbetrieblichung der Lebensorientierung" ist das passende Stichwort.

In welchen Lebensbereichen versuchen wir, effizient zu sein?
Lindner:
Bei vielen Frauen haben sich in den vergangenen Jahren die Vereinbarkeitsprobleme von Familie und Beruf verstärkt. Viele Frauen versuchen, beide Bereiche auszubalancieren. Das geht nur mit gutem Zeitmanagement. Genauso hat sich das aber auch auf die Männer ausgewirkt, die mehr Zeit mit der Familie verbringen wollen. Das ist ein Hauptbereich beim Thema Effizienz in unserem Forschungsprojekt. Aber auch das Streben nach einem gesunden Lebensstil und die hohen Ansprüche an die Selbstverwirklichung verstärken den Zeitdruck.

Gibt es eine Gruppe von Menschen, die besonders nach Selbstoptimierung strebt?
Lindner:
 Es zeigt sich schon, dass es eher die höher Gebildeten mit gutem Einkommen sind, die auch die Mittel haben, um Selbstoptimierung zu betreiben. Das Selftracking, zum Beispiel beim Sport, war ursprünglich eher ein männliches Phänomen, wird inzwischen aber auch immer mehr von Frauen genutzt.

Welche Daten werden getrackt?
Lindner:
Neben gelaufenen Schritten und Kalorien können auch die eigene Produktivität und das eigene Technikverhalten vermessen werden. Zum Beispiel, wie häufig man online ist oder wieviel Zeit man am Tag effektiv arbeitet. Aber auch die eigene Stimmung, der Zyklus und die Schlafqualität werden immer häufiger vermessen. Das hat auch damit zu tun, dass es für diese Bereiche inzwischen viele Angebote, wie Apps, gibt, mit denen die Daten erhoben werden können.

Tut es den Menschen gut, sich selbst zu vermessen und ständig bestimmte Ziele anzustreben?
Lindner:
Für die, die gerne mehr Struktur haben wollen oder die abnehmen oder gesünder leben wollen, kann das schon eine hilfreiche Maßnahme sein. Wenn die Methode aber eine große Unsicherheit oder Leere im Leben überdeckt, ist das natürlich nicht so gesund. Oder auch, wenn es zu intensiv betrieben wird und die Zahlenlogik einen immer größeren Raum einnimmt - dann wird man eher zum Sklaven dieser Technik. Das Tracken von Daten kann einem zum Beispiel vorgaukeln, man sei unheimlich aktiv und habe einen Sinn im Leben gefunden. In Wirklichkeit geht es aber oft um ganz andere Lebensfragen, um die man sich in dem Moment gar nicht mehr kümmert.

Wie wirkt sich die Selbstoptimierung auf das Familienleben aus?
Lindner:
Unsere Projektgruppe vertritt stark die These, dass soziale Beziehungen unter der Selbstoptimierung leiden und bei den Menschen eine größere Selbstbezüglichkeit entstanden ist. In erster Linie leiden die Freundschaften, nicht selten aber auch die Kinder 
Bei vielen entwickelt sich auch eine instrumentelle Einstellung zum sozialen Umfeld. Man fragt sich eher, ob die Menschen im eigenen Umfeld überhaupt noch zu einem passen. Beziehungen werden in diesem Zuge auch schneller beendet.

Wer ist gefährdet, sein soziales Umfeld zu vernachlässigen?
Lindner:
Das kommt darauf an, welche Erfahrungen man in der Kindheit gemacht hat. Wer eher Schwierigkeiten damit hat, Beziehungen aufzubauen, dem wird es durch diese aktuelle Tendenz eher leicht gemacht, mit wenig sozialen Kontakten durchs Leben zu kommen. Soziales Verhalten steht in einer Konkurrenzgesellschaft nicht hoch im Kurs.

Wann entsteht in unserer Gesellschaft der erste Konkurrenz- oder Leistungsdruck?
Lindner: 
Der kann schon in der frühen Kindheit durch Eltern entwickelt werden. Hier ist viel Angst vor dem Abstieg im Spiel. Spätestens in der Schule wird Leistungsdenken und Konkurrenz durch die Struktur unseres Bildungssystems gefördert. Auch die Umstellung auf das Bachelor/Master-System hat den Leistungsdruck weiter erhöht. Grundsätzlich kann man sagen: je stärker der Wettbewerb, desto höher der Konkurrenz- und Leistungsdruck.

Sind die Ansprüche allgemein gestiegen, die die Menschen an sich selbst stellen?
Lindner:
 Das kann man so sagen, ja. Es sind aber eher soziale Werte, die die Ansprüche steigen lassen. Familie wird zum Beispiel wieder mehr geachtet. Das zeigt sich bei der sogenannten Generation „Y" (die Jahrgänge, die vor der Jahrtausendwende geboren wurden). Sie versuchen berufliche Verwirklichung mit einem intensiven Familienleben in Einklang zu bringen. Auch die Anforderungen, eine gute Mutter oder ein guter Vater zu sein, sind gestiegen. Diesem Druck kann man sich als Eltern kaum entziehen.

Gibt es Möglichkeiten, wieder von dem Trend wegzukommen?
Lindner:
 Klar ist, dass die Kritik an dem Lebensstil überwiegt, weil sie eine Gefahr der Entfremdung birgt. Man müsste eigentlich häufiger hinterfragen, warum man das eigentlich macht, wo die ständige Verbesserung hinführt. Wenn man nicht drüber nachdenkt, was diese Entwicklung mit einem selbst macht, dann wird man irgendwann zum Spielball - im Fall des Selft-Trackings der Technik, aber auch von Anforderungen ganz allgemein.

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