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Impressionen: Eine Auswahl von „Perry Rhodan"-Heften aus der Ausstellung in Stromberg. - © Kulturgut Haus Nottbeck
Impressionen: Eine Auswahl von „Perry Rhodan"-Heften aus der Ausstellung in Stromberg. | © Kulturgut Haus Nottbeck

Ausstellung Science-Fiction aus Westfalen: Aliens sind willkommen

Ein Sturm inspirierte Walter Gödden zu einer Schau auf dem Kulturgut Notteck in Oelde: Während eines Sturms flog ein Trampolin durch die Gegend - es sah aus wie ein Ufo

Rolf Birkholz
28.08.2019 | Stand 28.08.2019, 08:47 Uhr

Oelde-Stromberg. Und mittendrin ein Ufo. Im Vorhof des einstigen Ritter- und heutigen Kulturguts Haus Nottbeck hat Jeremias H. Vondrlik ein bislang so unbekanntes wie unbemanntes Flugobjekt landen lassen, wenn man nicht in der auf einem Gestell platzierten goldenen Disco-Kugel einen Außerirdischen erkennen mag. Eine ironische Note im Info-Ufo.

Denn rundum an der Außenhaut des Objekts wird dem Besucher der neuen Ausstellung „Aliens Welcome!" schon einmal ganz nebenbei Basiswissen angeboten, etwa über die „Perry Rhodan"-Heftserie im Allgemeinen oder Autoren wie Hendrik Otremba aus Recklinghausen oder die in Höxter lebende Josefine Rieks im Besonderen.

Um „Sciencefiction-Literatur aus Westfalen 1904-2018" dreht sich nämlich die Schau. Ein Projekt der Literaturkommission für Westfalen, im Museum für Westfälische Literatur, entwickelt von dessen Programmleiter Walter Gödden und sichtbar, hörbar gemacht von Bühnenbildner Vondrlik.

Sphärenklänge vom Theremin

Der lässt den Besucher im abgedunkelten Hauptraum gleichsam in den Weltraum treten und dabei eine Karte des Mondes betreten. Verzeichnet ist, wo vor 50 Jahren Apollo 11 niederging, aber auch die von Science-Fiction-Schreibern bevorzugte erdabgewandte Seite des Himmelskörpers. Dazwischen eine nachempfundene Raumkapsel.

Sphärenklänge, per Theremin erzeugte, sich mit Bewegungen ändernde „Space Musik" empfängt die All-Touristen, dem Science-Fiction womöglich ebenso fremd ist, wie Walter Gödden früher selbst.

Der Literatur-Professor hatte in einschlägigen Kompendien nichts dazu gefunden, da hat er selbst eines verfasst: Herausgekommen ist ein 600-Seiten-Band. Dem Besucher werden kurze Texte an die Wände projiziert.

Trampolin sah aus wie ein Ufo

In der Münsteraner Literaturzeitschrift Am Erker (Nr. 77) beschreibt Gödden, wie er zu seinem Thema kam. Sein „persönlicher Entdeckertrieb" wurde motiviert, als im stürmischen Herbst 2017 plötzlich ein Trampolin aus Nachbars Garten durch die Gegend flog und dabei „unverkennbar das Aussehen eines Ufos" hatte.

Vorher hatte er sich nicht ernsthaft mit dieser Gattung befasst. Science-Fiction, und dann noch in Westfalen? Dabei hatte ausgerechnet ein Provinzverlag, J. C. C. Bruns in Minden, den Klassiker „Die Zeitmaschine" von H. G. Wells 1904 in deutscher Erstausgabe herausgebracht.

Und über die Jahre bis heute haben etliche in der Region lebende Schriftsteller Romane dieser Gattung geschrieben. Oder sie haben den zahlreichen Heftserien zugearbeitet, deren Zeit ab 1961 mit den auch nach mehr als 3.000 Geschichten bisher nicht auserzählten Abenteuern von Perry Rhodan begann. Zurzeit gibt der Gelsenkirchener Hartmut Kasper die Erzähllinie vor. „Terranauten" oder „Terra Astra" hießen andere Serien. Letztere hat laut Gödden sogar den Stoff zur Fernsehserie „Raumpatrouille" geliefert.

Jüngere Autoren widmen sich Dystopien

Der Science-Fiction-Forscher erinnert auch an die Zeit der privaten Leihbibliotheken, wo sich Fans den Sternenstoff besorgen konnten, der öffentlichen Büchereien als „Literatur zweiter Klasse galt." Relativ viele der bundesweit 28.000 Leihbibliotheken habe es in Westfalen gegeben. Als frühen Leihbuch-Autor nennt er den Detmolder Thomas R. P. Mielke („Das Sakriversum"). Auch in Münster wurde das Genre bedient: Werner Zillig („Mein Sonntag in Münster") oder Dietrich Wachler sind zu erwähnen.

Eine Entdeckung für Gödden war der Recklinghäuser Heinrich Schirmbeck mit „Ärgert dich dein rechtes Auge. Aus den Bekenntnissen des Thomas Grey" von 1957. Auch politische und Umweltaspekte spielen dem Wissenschaftler zufolge eine Rolle. Jüngere Autoren widmeten sich zudem auch Dystopien.

Videos mit Erwin Grosche

Im Gartenhaus sind Heftcover von Alfred Kelsner ausgestellt. Später werden dort auch Videos gezeigt, die Gödden und Thomas Strauch mit Paderborner Studenten und dem Autor, Komiker und Schauspieler Erwin Grosche nach Texten von Hartmut Kasper gedreht haben. Dazu gibt es viel Begleitprogramm, zum Beispiel Lesungen mit Tanja Kinkel und August Zirner.

„Ist Westfalen ein ScienceFiction-Land?", fragt Gödden im „Erker". Und antwortet: „Nein, mitnichten. Aber westfälische Autoren waren überall dabei, prägten das Genre auf ihre Weise mit."

Die Eifel ist zwar nicht mehr ganz Westfalen. Aber in Norbert Scheuers aktuellem Roman „Winterbienen" stößt man ganz unvermutet auf Science-Fiction-Motive mit nicht unwichtiger Funktion. „Abends saßen wir in seinem Zimmer und schmökerten in seinen Zukunftsromanen", heißt es in dem 1944/45 spielenden Buch über einen Imker und seinen Flieger-Bruder. „Er träumte noch davon, Sternenfahrer zu werden...". So ganz mondabgewandt ist aber auch Westfalen nicht.

Information

Info

Zu sehen bis 8. März 2020; Di-Fr 14-18 Uhr, Sa, So, Feiertage 11-18 Uhr; Eintritt frei. Oelde-Stromberg, Landrat-Predeick-Allee 1.
Weitere Infos zu der Ausstellung: www.kulturgut-nottbeck.de.
Walter Gödden: Aliens Welcome! Science-Fiction-Literatur aus Westfalen 1904-2018, 604 Seiten, Aisthesis Verlag, Bielefeld.
Links zum Thema


Josefine Rieks und ihr Roman "Serverland"
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