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Obwohl die Biergartensaison eigentlich schon begonnen hat, bleiben die Bänke und Tische leer. Für das Gastgewerbe bedeutet die Corona-Krise eine sehr harte Zeit, denn die Umsätze bleiben aus. :  - © istock
Obwohl die Biergartensaison eigentlich schon begonnen hat, bleiben die Bänke und Tische leer. Für das Gastgewerbe bedeutet die Corona-Krise eine sehr harte Zeit, denn die Umsätze bleiben aus. :  | © istock

„Vergesst uns jetzt nicht“

Die Corona-Krise ist für das Gastgewerbe eine „Katastrophe“. Ostwestfalens Dehoga-Präsident Andreas Büscher erklärt, warum viele Betriebe trotz öffentlicher Hilfen und Lieferservices um ihre Existenz bangen.

Monika Dütmeyer
17.04.2020 | Stand 17.04.2020, 10:49 Uhr

Gerade an den ersten sonnigen Frühlingstagen würden viele von uns wohl nichts lieber tun als das: Ein gemütliches Plätzchen im Biergarten aufsuchen, es sich bei leckerem Essen und Trinken in bester Gesellschaft einmal richtig gut gehen lassen und vielleicht auch sogar spontan ein paar Tage in ein schönes Hotel fahren. Das alles geht im Moment nicht. Was viele Menschen derzeit vor allem als Verlust an Lebensqualität spüren dürften, ist für das Gastgewerbe „eine Katastrophe", wie Andreas Büscher sagt. Er ist Präsident des Gastgewerbeverbandes „Dehoga" Ostwestfalen und betreibt mit seiner Familie das Hotel Büscher mit Restaurant in Bielefeld. Normalerweise mit 17 Mitarbeitern, doch im Moment dürfte sich das 1884 gegründete Haus in kaum gekannter Weise leer anfühlen.

Andreas Büscher macht sich große Sorgen. - © Wolfgang Rudolf
Andreas Büscher macht sich große Sorgen. | © Wolfgang Rudolf

Denn die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. „Wir schauen, dass alles in Ordnung bleibt, lassen zum Beispiel einmal in der Woche das Wasser in den Zimmern laufen", sagt Büscher. Gäste kommen, wenn überhaupt, nur kurz zum Abholen von Speisen vorbei, statt dort gesellige Abende zu verbringen oder im Hotel ein paar entspannte Tage zu verleben.

„Die Umsätze laufen nahezu gegen null. Der Außer-Haus-Verkauf von Speisen steht in keiner Relation zu dem, was wir normalerweise einnehmen", erklärt er. Für sein Haus und viele Betriebe im Gastgewerbe sei es der sprichwörtliche „Tropfen auf den heißen Stein". Zudem sei es gar nicht so einfach, von jetzt auf gleich einen Lieferdienst zu installieren, es fehlten Fahrer und längst nicht jedes Gericht eigne sich dafür.

„Eine Pizza kriegen Sie zum Beispiel gut wieder hin, wenn Sie sie zu Hause einfach ein paar Minuten in den Backofen legen. Ein Steak ist hingegen nicht dazu geeignet, 20 Minuten durch die Gegend gefahren zu werden, und wenn Sie es zu Hause in die Mikrowelle legen, dann ist es verdorben." Die Einbußen beziffert Büscher als „irrsinnig hoch".

Viele Gastwirte hätten öffentliche Hilfen beantragt und bei vielen sei das Geld auch bereits angekommen. Dass die Zahlungen aufgrund von Betrugsfällen gestoppt wurden, sei „ganz bitter". Viele warteten dringend darauf und hätten bis jetzt einfach gar nichts. Auch wenn Betriebe in diesen Tagen oft erstmals Kurzarbeit angemeldet hätten, was für die meisten im Gastgewerbe eine absolute Premiere sei, müssten die Löhne bei fast gänzlich fehlenden Einnahmen vorfinanziert werden. „Mit dem Kurzarbeitergeld, das wir für März beantragt haben, rechnen wir Mitte Mai", rechnet er vor. Forderungen von Gewerkschaftsseite, das Kurzarbeitergeld aufzustocken, kommentiert Büscher: „Es ist nicht so, dass wir es nicht wollen. Es ist so, dass wir es nicht können." Er wünscht sich vielmehr, in der Krise gemeinsam Lösungen zu finden. „Wir brauchen unsere Leute, wir arbeiten oft schon jahrelang zusammen, das ist wie in einer Familie. Da schmeißen wir niemanden einfach so raus."

Auf die Frage, wie es jetzt für das Gastgewerbe im besten Fall weitergehen soll, antwortet Büscher: „Das ist schwer zu sagen. Natürlich soll es weitergehen, aber das Schlimmste wäre, wenn erst alles wieder normal laufen würde und dann wieder alles zurückgenommen werden müsste." Die Politiker hierzulande machen seiner Meinung nach einen „relativ guten Job", gehen in unaufgeregter und pragmatischer Weise mit der Herausforderung um. Doch bei aller Unterstützung, beispielsweise in Form von Steuerstundungen oder Kfw-Krediten, sieht er trotzdem die Gefahr, dass dadurch ein riesiger Schuldenberg entstehen könne, von dem viele nicht wüssten, wie sie ihn zurückzahlen sollten. Doch er sieht auch eine Chance in der Corona-Krise.

„Es ist die Zeit, unseren Lebensstil zu überdenken. Zum Beispiel, ob es richtig ist, zugunsten von Gewinnmaximierung immer so billig wie möglich zu produzieren" – denn den Preis dafür zahlten oftmals Menschen oder Tiere. Für das Gastgewerbe wünscht er sich, dass die Gäste zu einer vernünftigen und gegebenen Zeit wiederkommen und die Familien der Mitarbeiter im Gastgewerbe ihre Lebensgrundlage behalten können. „Vergesst uns jetzt nicht", appelliert er und unterstreicht die Bedeutung gastronomischer Angebote für die Lebensqualität.

Doch das Wichtigste für ihn ist in 2020 („das schwierigste Jahr, das jemals stattgefunden hat"): „Dass die Menschen gesund bleiben." Und die Menschen in seiner Nähe geben ihm jetzt Kraft: „Dass ich im Moment viel Zeit für die Familie habe, ist für mich ein Lichtblick in der Krise."

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