Paderborn Gigantische Orgelklänge donnern durch den Dom

Organist Michael Harris schlägt Brücken zwischen britischen und deutschen Komponisten – und ein Franzose spielt auch noch mit

Von Thomas Schulze-Athens

Paderborn. Wenige Tage ist es her, dass dem Paderborner Publikum Möglichkeit gewährt wurde, anlässlich des "Brit-Festes" die Musikkultur unserer britischen Nachbarn kennenlernen zu dürfen. Der Bogen spannte sich zwei Tage später fort, diesmal mit "very british" Orgelmusik.

Michael Harris, seit einigen Jahren amtierender Organist an der Kathedrale zu Edinburgh, folgte der Einladung, seine hohe Kunst in der hiesigen Domkirche unter Beweis zu stellen. Dabei präsentierte er ein Programm, das durchaus einen roten Leitfaden enthielt.

Erwähnenswert ist noch, dass Hollins als Brite für mehrere Jahre in Berlin und Frankfurt weilte, um sich hier ausbilden zu lassen. Als schöne Geste kann man dieses Betonen der deutsch-englischen Beziehungen deuten, das folgende Programm machte nochmals darauf aufmerksam: Nach dem "Trumpet Minuet" aus der Feder des Briten Alfred Hollins folgte Händel's Orgelkonzert in B-Dur, geschaffen vom deutschen Barockmeister, zumeist aufgeführt in der Zeit, als Händel am englischen Königshofe in Amt und Würden stand! Interessante Parallelen taten sich da zwischen den beiden Werken auf. Harris machte hier barocke Spielfreude hörbar, alles in allem in verhaltener Registrierung ausgeführt.

Das Minster zu York im Nordosten Englands zählt zu den bedeutendsten Sakralbauten des vereinigten Königreiches, eine entsprechende Kirchenmusik ist an dieser Kathedrale seit Jahrhunderten zu Hause, unter anderem über viele Jahre geprägt durch den Organisten Francis Jackson. Aus seinem Opus wählte Harris "Toccata, Chorale and Fugue" aus, ein Werk, wie geschaffen für gewaltige Räume und deren imposante Orgeln. So vermochte auch die Paderborner Domorgel die sinfonische Klangbreite des spätromantisch angehauchten Werkes bestens auszudrücken.

Marcel Dupré, brillanter Organist, Komponist und Improvisator aus dem vergangenen Jahrhundert, schuf mit der "Suite Bretonne" ein für seine Verhältnisse eher schlichtes Werk, bestehend aus drei recht verhalten anmutenden Stücken, die allesamt eine kleine Hommage an den französischen Norden sind. Dupré, der selber zwar nicht aus der Bretagne, sondern aus der Hafenstadt Rouen stammte, wird sie gekannt haben, die flirrenden Spinnräder der nordfranzösichen Spinnerinnen, denen etwa der zweite Satz "Fileuse" seiner Suite gewidmet ist. Unter Hinzunahme der Röhrenglocken der Turmorgel entstand ein interessanter Klangeindruck, der im letzten Satz tatsächlich an ein Glockengeläut erinnerte.

Gigantisch wurde es dann zum Schluß des Konzertes, als Healy Willan's "Introduction, Passacaglia und Fugue" durch den Dom donnerte. Nur Orgeln stattlicher Größe vermögen diesem Werk gerecht zu werden. Nach gewaltigen Akkordballungen schälte sich in kaum vernehmbarem Pianissimo das Thema der Passacaglia heraus, sich ständig steigernd, und obendrein noch von einer Fuge mit gleichem Thema gekrönt. Die Klangmassen werden beim einen oder anderen Zuhörer Erinnerungen geweckt haben, als Helmut Peters, damaliger Paderborner Domorganist, dieses Werk im Juli 1981 zur Einweihung der neuen Domorgel spielte.

Gewiss – Michael Harris bot nicht unbedingt den typischen Orgel-Mainstream an. Aber er bewies überzeugend, dass es auch noch vieles jenseits des Altbekannten zu entdecken gibt. In diesem Sinne bedankte sich das aufmerksame Publikum mit langen Ovationen beim Gast von den britischen Inseln.

Beim nächsten Konzert der Internationalen Orgel-Reihe am Montag, 23. September, um 19.30 Uhr im Dom spielt Sebastian Freitag Werke von Paul Huber (Toccata über die Glocken des Domes zu St. Gallen), Bach, Saint-Saens, Dupré und anderen. Für Freitag ist es gleichzeitig sein Abschiedskonzert nach zweijähriger Tätigkeit als Interims-Organist im Dom.

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