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Paderborn Muslime denken an eigene Grundschule

Anhaltende Diskussion um katholische Bekenntnissschulen / Beer fordert Senkung des Quorums

VON ANNIKA FALK
18.04.2013 | Aktualisiert vor 0 Minuten
Die grüne Landtagsabgeordnete Sigrid Beer, Monsignore Joachim Göbel, Journalistin und Buchautorin Eva Müller sowie Michael Schäder von der Schulpflegschaft Paderborn. - © FOTO: FALK
Die grüne Landtagsabgeordnete Sigrid Beer, Monsignore Joachim Göbel, Journalistin und Buchautorin Eva Müller sowie Michael Schäder von der Schulpflegschaft Paderborn. | © FOTO: FALK

Paderborn. Die Domstadt nimmt in der Diskussion um Bekenntnisschulen eine besondere Rolle ein: 14 der 24 Grundschulen sind katholisch. Eine echte Wahlmöglichkeit bleibt den Eltern in vielen Stadtteilen nicht. Nachdem ein muslimischer Junge von der Bonifatiusschule abgelehnt worden war (die NW berichtete), überlegen die Muslime in Paderborn jetzt sogar, eine eigene Grundschule zu gründen.

Vor wenigen Tagen hat die Familie des Jungen die entgültige Ablehnung erhalten. In der Begründung steht, der Junge könne auch an einer anderen, nicht-wohnortnahen Schule neue Freunde finden. Abgelehnt wurde er, weil die Eltern den Anmeldebogen nicht unterschreiben wollten, in dem stand, dass die Eltern ausdrücklich wünschen, dass ihr Kind am katholischen Religionsunterricht und am Gottesdienst teilnehme.

"Zur Not müssen wir jetzt eben umziehen", sagt der Vater, der nicht namentlich genannt werden möchte. Im Alter von sechs Jahren sei er als Sohn eines türkischen Gastarbeiters nach Deutschland gekommen, habe hier studiert, in seiner Familie sei immer großer Wert auf Bildung gelegt worden. Jetzt sieht er sich ins Mittelalter zurückversetzt. "Ich bin grundsätzlich bereit anzuerkennen, dass nach katholischen Maßstäben unterrichtet wird, denn die Werte unseres Glaubens sind ähnlich", sagt er während des WDR-5-Stadtgesprächs, das am Montag im Rathaussaal aufgezeichnet worden ist. Doch er kritisiert den Zwang zu religiösen Handlungen und die fehlende Religionsfreiheit.

Aus diesem Grund sei der Anmeldebogen verfassungswidrig, sagt Schuldezernent Wolfgang Walter. Durch den Bogen, der an einigen Schulen in den vergangenen Jahren wohl verschärft worden war, seien die Probleme erst aufgetreten, sagt der CDU-Landtagsabgeordnete Daniel Sieveke, der die Konflikte für übertrieben hält und sich wegen eines Todesfalls in der Familie vorzeitig vom Podium verabschieden musste.

Am Dienstag soll in der Schulausschuss-Sitzung eine Änderung des Bogens beschlossen werden. Der Passus mit der Verpflichtung zum Gottesdienstbesuch soll gestrichen werden. "Wir wollen ein einheitliches Verfahren für alle Schulen", sagt Walter, der darauf verweist, dass nicht die Stadt als Schulträger, sondern die Schulleitung und die -aufsicht für die Formulierung verantwortlich gewesen ist.

Bekenntnisschulen seien "der extremste Fall von Verflechtung zwischen Kirche und Staat", sagt die Journalistin Eva Müller, die für verschiedene Filme und ihr Buch "Gott hat hohe Nebenkosten" ausgiebig im kirchlichen Umfeld recherchiert hat. Sie kritisiert, dass Nicht-Katholiken von Leitungspositionen an den zu 100 Prozent aus staatlichen Mitteln finanzierten Bekenntnisschulen ausgeschlossen werden. Weil Schulleiterstellen andernfalls nicht hätten besetzt werden können, seien in Köln 2012 drei Schulen in Gemeinschaftsschulen umgewandelt worden. Im Erzbistum Paderborn sind es pro Jahr fünf bis zehn, wie Monsignore Joachim Göbel vom Erzbischöflichen Generalvikariat mitteilt.