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Paderborn Missbrauchs-Opfer wollen gehört werden

Insgesamt 89 Menschen haben sich bislang an den Missbrauchsbeauftragten des Erzbistums gewandt - 271.500 Euro wurden ausbezahlt

VON ANNIKA FALK
14.04.2013 | Stand 14.04.2013, 12:29 Uhr

Für Manfred Frigger, den Leiter des Arbeitsstabes Sexueller Missbrauch beim Erzbistum Paderborn, sind die Gespräche mit den Opfern eine Herzensangelegenheit. - © FOTO:R EINHARD ROHLF
Für Manfred Frigger, den Leiter des Arbeitsstabes Sexueller Missbrauch beim Erzbistum Paderborn, sind die Gespräche mit den Opfern eine Herzensangelegenheit. | © FOTO:R EINHARD ROHLF

Paderborn. Auch mehr als drei Jahre nach den ersten Meldungen über sexuellen Missbrauch innerhalb der Katholischen Kirche erreichen den zuständigen Arbeitsstab beim Erzbistum Paderborn immer wieder Anfragen. Ansprechpartner für die Opfer ist Manfred Frigger, ehemaliger Leiter der Eheberatung.

Der Arbeitsstab Sexueller Missbrauch wurde bereits 2002 eingeführt, nachdem erste Missbrauchsfälle in den USA und Irland publik geworden waren. Der Vatikan verordnete damals, dass jedes Erzbistum eine entsprechende Anlaufstelle einrichten soll. "Anfangs wurde die Kommission von einem Prälaten geleitet, man merkte dann aber, dass es schwierig sein könnte, wenn ein hochrangiger Kirchenmann mit den Opfern spricht", sagt Frigger, der den Stab seit 2003 leitet.

Auf ihn kam man, da er die Eheberatung des Erzbistums leitete. Er war damit etwas weiter weg, außerdem verheiratet. "Und man vertraute darauf, dass ich in Krisengesprächen Einfühlungsvermögen zeigen kann", sagt der heute 65-Jährige. Zu dem Arbeitsstab gehören außerdem Rechtsanwälte, Psychiater, Therapeuten, Psychologen, Kirchenrechtler und Justiziare, insgesamt acht Mitarbeiter. Doch hatte diese Kommission bis 2010 keine Arbeit, niemand meldete sich, bis die ersten Fälle am Canisius-Kolleg in Berlin bekannt wurden.

Beratung ist Herzensangelegenheit

"Mit der Welle, die dann auf uns zukam, hätte keiner rechnen können", sagt Frigger, der die Erstgespräche mit den Opfern führt und dann vermittelt - je nach Anliegen - an einen Rechtsanwalt oder einen Therapeuten in den verschiedenen Städten des Erzbistums. "Die Vernetzung ist einzigartig und Opfer bekommen innerhalb von zwei, drei Tagen einen Termin beim Therapeuten", sagt der Eheberater, der gerne selbst für Gespräche zu den Menschen fährt, seit er vor wenigen Monaten in den (Un)-Ruhestand gewechselt ist. Die Beratung der Opfer ist ihm sichtlich eine Herzensangelegenheit.

So war er froh, als die Deutsche Bischofskonferenz am 2. März 2011 Richtlinien formuliert hatte, wie mit den Opfern umgegangen wird, wie ihr Leid finanziell anerkannt werden kann. Die entsprechenden Antragsformulare finden Betroffene auf der Webseite des Erzbistums. Manfred Frigger hilft beim Ausfüllen. Die Kommission des Erzbistums berät und prüft diese Anträge, bevor sie dann zu der unabhängigen "Zentralen Kommission" nach Bonn geschickt werden. Diese legt die Summe der Entschädigung fest.

Information

Kritik an Ordensschwestern

Kein Fall für den Arbeitsstab Sexueller Missbrauch ist Maria Grote. Doch auch sie kam mit ihrer Geschichte über Gewalt-Erfahrung innerhalb der Katholischen Kirche zu Manfred Frigger. Die heute 48-Jährige hat als Kinderpflegerin im erzbischöflichen Kinderheim in Paderborn gearbeitet, als sie von zwei Mädchen im Teeniealter geschlagen worden ist. "Ich habe der Oberschwester alles erzählt, aber die meinte nur, ich sei unfähig", erinnert sie sich.Vom Dezember 1992 bis Juli 1993 war sie in dem Heim angestellt - wurde aber zum Ende ihrer Probezeit gekündigt.

Sie sieht bei den Nonnen eine "Mitwisserschaft" und beklagt deren Umgang mit Gewalt. Man habe ihr wenig über die Mädchen und deren Vergangenheit erzählt. Während der Betstunde der Nonnen war die junge Kinderpflegerin allein mit den Kindern. Sie habe die Jüngeren vor den Schlägen der Größeren schützen wollen. "Ich habe meinen Rücken hingehalten, wie damals bei meinem Vater", weiß sie heute - nach 30 Jahren therapeutischer Behandlung.

Denn in ihrer Kindheit wurde Maria Grote von ihrem Vater sexuell missbraucht und misshandelt. "Ich war die Älteste und habe für meine drei Geschwister viel Prügel auf mich genommen." Nach einem psychischen Totalzusammenbruch erhält sie heute Erwerbsunfähigkeitsrente und ist Mitarbeiterin der Caritas Schlosswerkstätten. (faa)

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