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Paderborn Missbrauchs-Opfer wollen gehört werden

Insgesamt 89 Menschen haben sich bislang an den Missbrauchsbeauftragten des Erzbistums gewandt - 271.500 Euro wurden ausbezahlt

VON ANNIKA FALK
14.04.2013 | Stand 14.04.2013, 12:29 Uhr

Innerhalb des Erzbistums Paderborn waren das durchschnittlich 6.100 Euro. Insgesamt 45 Opfer wurden bis Ende März 2013 mit 271.500 Euro entschädigt oder "als Opfer anerkannt", wie Frigger lieber formuliert. Außerdem wurden fünf Opfern bislang 22.000 Euro Therapiekosten anerkannt. "Das Geld wurde nicht aus Kirchensteuermitteln genommen, sondern aus anderen Töpfen", betont Pressesprecher Ägidius Engel. Außerdem seien die noch lebenden Beschuldigten für ihre Fälle zur Kasse gebeten worden.

Ein Priester zur Selbstanzeige gedrängt

Insgesamt 23 Frauen und 66 Männer haben sich beim Erzbistum Paderborn gemeldet, einige Fälle spielten sich aber in anderen Bistümern oder in der Evangelischen Kirche ab, wurden also weitervermittelt. Innerhalb des hiesigen Erzbistums beschuldigten 16 Frauen und 26 Männer insgesamt 42 Kleriker und andere Mitarbeiter im kirchlichen Dienst. 27 Anträge konntennicht anerkannt werden, weil "nur" körperliche Gewalt vorlag, die Opfer wurden an den "Heimkinderfond" des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) weiterempfohlen.

Bei den meisten Fällen waren die Beschuldigten nicht mehr am Leben. Die Staatsanwaltschaft wurde in fünf Fällen eingeschaltet. Ein Priester mit knapp 90 Jahren wurde zur Selbstanzeige gedrängt, doch auch sein Fall war - wie die anderen - verjährt. So kam es nie zu einem Prozess. Das bedauert Manfred Frigger. Zwar arbeite der Runde Tisch sehr gut. Doch kämen der Bundestag und die Bundesregierung nicht voran. "Das Leiden der Opfer verlängert sich", so Frigger. Denn erst auf Druck des Runden Tisches gibt die Bundesregierung zum 1. Mai 2013 50 Millionen für einen Hilfsfonds frei, die Länder sagten ebenfalls 50 Millionen zu, verweigern aber noch die Freigabe der Mittel.

80 Prozent der Fälle gehen auf Erlebnisse in den 50er bis 80er Jahren zurück. Den Opfern gehe es meist eher darum, dass ihnen jemand zuhöre, dass sie ernst genommen werden. "Wenn sie zu mir kommen, schämen sie sich ihrer Tränen, gehen dann aber dankbar wieder weg", sagt Frigger, der manchmal von seiner Frau Ursula begleitet wird, die ihn ehrenamtlich unterstützt. Manchen Opfern sei wichtig, dass eine Frau bei den Gesprächen anwesend ist.

Erzbistum setzt auf Prävention

Er rechnet damit, dass sich auch in den nächsten Jahren noch weitere Opfer melden werden. Bei vielen kommt das Erlebte erst durch bestimmte Lebenserfahrungen wieder hoch. "Es geht um eine Anerkennung des Leids, die Verletzung wird man nicht wieder gut machen", sagt Frigger, der betont, dass es vielen Opfern nicht ums Geld gehe. Einem Opfer habe er geholfen, das Grab des beschuldigten Vikars zu finden. Der Besuch auf dem Friedhof habe dem Mann geholfen, das Erlebte zu verarbeiten.

Dem Erzbistum ist eine hohe Transparenz, aber auch der Schutz der Opfer wichtig. Und Prävention, so wurde ein Präventitionsbeauftragter eingeführt, der seit August 2011 Kirchenangestellte und zum Beispiel Mitarbeiter des BDKJ schult. "Es wurden in der Vergangenheit Fehler gemacht, aber wir wollen den Eltern das Gefühl geben, dass sie mit gutem Gewissen ihre Kinder in die kirchliche Jugendarbeit schicken können", sagt Pressesprecher Ägidius Engel.

Information

Kritik an Ordensschwestern

Kein Fall für den Arbeitsstab Sexueller Missbrauch ist Maria Grote. Doch auch sie kam mit ihrer Geschichte über Gewalt-Erfahrung innerhalb der Katholischen Kirche zu Manfred Frigger. Die heute 48-Jährige hat als Kinderpflegerin im erzbischöflichen Kinderheim in Paderborn gearbeitet, als sie von zwei Mädchen im Teeniealter geschlagen worden ist. "Ich habe der Oberschwester alles erzählt, aber die meinte nur, ich sei unfähig", erinnert sie sich.Vom Dezember 1992 bis Juli 1993 war sie in dem Heim angestellt - wurde aber zum Ende ihrer Probezeit gekündigt.

Sie sieht bei den Nonnen eine "Mitwisserschaft" und beklagt deren Umgang mit Gewalt. Man habe ihr wenig über die Mädchen und deren Vergangenheit erzählt. Während der Betstunde der Nonnen war die junge Kinderpflegerin allein mit den Kindern. Sie habe die Jüngeren vor den Schlägen der Größeren schützen wollen. "Ich habe meinen Rücken hingehalten, wie damals bei meinem Vater", weiß sie heute - nach 30 Jahren therapeutischer Behandlung.

Denn in ihrer Kindheit wurde Maria Grote von ihrem Vater sexuell missbraucht und misshandelt. "Ich war die Älteste und habe für meine drei Geschwister viel Prügel auf mich genommen." Nach einem psychischen Totalzusammenbruch erhält sie heute Erwerbsunfähigkeitsrente und ist Mitarbeiterin der Caritas Schlosswerkstätten. (faa)

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