Paderborn Wind-Riese soll Klären helfen

Stadtentwässerungsbetrieb rechnet mit Baugenehmigung im Frühjahr

VON HANS-HERMANN IGGES
Raimund Prenger, Leiter des Stadtentwässerungsbetriebes Paderborn, kann vom Dach des Betriebsgebäudes das Gelände des Klärwerks gut überblicken. Am westlichen Rand soll das 4-Megawatt-Windrad entstehen. - © FOTO: MARC KÖPPELMANN / MONTAGE: THOMAS LÖHRIG
Raimund Prenger, Leiter des Stadtentwässerungsbetriebes Paderborn, kann vom Dach des Betriebsgebäudes das Gelände des Klärwerks gut überblicken. Am westlichen Rand soll das 4-Megawatt-Windrad entstehen. | © FOTO: MARC KÖPPELMANN / MONTAGE: THOMAS LÖHRIG

Paderborn. Mit einem 150 Meter hohen Windrad will der Stadtentwässerungsbetrieb Paderborn (Steb) sein Klärwerk in Sande ausrüsten. Damit wäre die Anlange, die auch über ein mit dem dort anfallenden Methangas betriebenes Blockheizkraftwerk verfügt, so gut wie unabhängig, was die Energieversorgung von außen betrifft.

Je höher ein Windrad ist, desto mehr Strom kann es produzieren: Der am westlichen Rand des Gruppenklärwerks bei den Nachklärbecken geplante Wind-Riese soll denn auch mit seinem auf einer Nabe in 108 Meter Höhe montierten Rotor mit 82-Meter-Radius bis zu 4 Millionen Kilowattstunden Strom jährlich aus der Luft schaufeln. Eingeplant ist für den eigenen Bedarf des Klärwerks mindestens die Hälfte davon. Was dann noch – etwa in Zeiten von Windflauten oder Spitzenbelastungen der Kläranlage – an Strom aus dem Netz benötigt wird, soll 600.000 Kilowattstunden jährlich nicht überschreiten. Dafür wird der vom Windrad produzierte, aber nicht genutzte Strom, ins Netz eingespeist und vergütet.

Information

45.000 Kubikmeter pro Tag

Das Gruppenklärwerk Sande, 1981 auf einem 120.000 Quadratmeter großen Gelände in Betrieb genommen, benötigt für seine drei Klärstufen 7,5 Millionen Kilowattstunden Energie jährlich. Vier Millionen Kilowattstunden davon werden durch das eigene Blockheizkraftwerk erzeugt. Dieses wird mit Methangas betrieben, das während des Klärprozesses entsteht. In der Kläranlage werden heute durchschnittlich 45.000 Kubikmeter Abwasser pro Tag gereinigt. An Regentagen kann der Zufluss auf 150.000 Kubikmeter steigen.

Ab diesem Jahr sollen auch die Schmutzwässer aus Dahl (bisher eigene Kläranlage) über ein Pumpwerk an die Kanalisation der Kernstadt angeschlossen werden.

Vertreter des Ingenieurbüros John Becker (Worpswede) stellten jetzt den aktuellen Planungsstand den Mitgliedern des Betriebsausschusses des Stadtrates vor. Danach werde mit der immissionsschutzrechtlichen Genehmigung der Anlage durch die Bezirksregierung Detmold in etwa zwei Monaten gerechnet. Alle geforderten Unterlagen und Gutachten lägen dort vor.

Zwar scheinen die Auswirkungen durch Schattenwurf- und Schall auf einzelne, in der Nachbarschaft stehende Gehöfte unproblematisch, doch könnten auf die Dauer Einschränkungen für den Betrieb des Windrads durch Auswirkungen auf die Tierwelt drohen: Nach Beobachtungen über ein Jahr wurden dort nämlich drei Fledermausarten gesichtet: Der "Große Abendsegler", die "Rauhhaar Fledermaus" und die "Zwerg-Fledermaus".

Nach Inbetriebnahme der Anlage soll zunächst zwei Jahre lang beobachtet werden, wie viele der Tiere an der Anlage zu Tode kommen ("Schlagopfermonitoring"). Die Planer: "Danach wird zu klären sein, ob das Windrad eventuell in den Sommermonaten abends abgeschaltet werden muss."

Die Investitionskosten für die komplette Anlage (inklusive Infrastruktur, Netzanbindung, Genehmigungs- und Gutachterkosten) sind mit vier Millionen Euro veranschlagt. Wie viel Strom der Wind-Riese über die Jahre erzeugt, hängt aber nicht nur von Wind und Fledermäusen ab, sondern auch von einem weiteren Windrad, das an einem Kiessee westlich davon geplant wird. Dieses könnte dem Windrad am Klärwerk nach Meinung der Planer durchaus zeitweise Wind wegnehmen. Deshalb stellten sie dem Ausschuss jetzt drei Kalkulationen vor.

Im schlechtesten Fall – also bei einer Teilabschaltung im Sommer und dem Bau des Nachbar-Windrades – würde man demnach jährlich für 195.000 Euro Strom weniger einkaufen. Im besten Fall – ohne Abschaltung und ohne Windschatten-Probleme – käme man auf 269.000 Euro im Jahr. Mit Schatten, aber ohne Abschaltung kalkulieren die Planer mit 242.000 Euro weniger Stromkosten pro Jahr. Es sei derzeit jedenfalls nicht wirtschaftlich, den am Klärwerk erzeugten, aber ungenutzten Strom an anderer Stelle für städtischen Bedarf einzuspeisen.

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