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Alle 24 ambulanten Pflegedienste Paderborns haben sich in einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen, um gegen die unhaltbaren Rahmenbedingungen ihres Berufes zu protestieren. Ihre Sprecher: Lothar Flick (r.) und Hans-Werner Hüwel (5. v. r.). - © FOTO: ROLAND MAORO
Alle 24 ambulanten Pflegedienste Paderborns haben sich in einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen, um gegen die unhaltbaren Rahmenbedingungen ihres Berufes zu protestieren. Ihre Sprecher: Lothar Flick (r.) und Hans-Werner Hüwel (5. v. r.). | © FOTO: ROLAND MAORO

Paderborn Pflegekräfte ersticken in Büroarbeit

Ambulante Dienste fürchten um ihre Zukunft / Mittwoch Autokorso zu den Krankenkassen

VON ROLAND MAORO
23.10.2012 | Stand 22.10.2012, 19:36 Uhr

Das Thema "Missverhältnis von Arbeitsaufwand und Entlohnung" ist dagegen schon sehr viel schwieriger aufzuarbeiten. Es ist ja inzwischen allgemein bekannt, dass die angemessene Pflege für einen alten Menschen nicht in Herzlichkeit und der erforderlichen Qualität bemessen wird, sondern mit dem Sekundenzeiger einer Stoppuhr.

Wer nicht nach 30 Minuten fertig gewaschen und angezogen auf seinem Stuhl sitzt, weil er nicht mehr so schnell kann, weil die Welt für einen dementen Menschen viel langsamer läuft, der hat eben Pech gehabt. Dass sich der Pflegeaufwand bei mehr oder minder aufwändigen Fällen unter dem Strich auf diese Durchschnittswerte der Krankenkassen einpendelt, können die Pflegedienste in ihrer täglichen Praxis nicht bestätigen.

Verschärft wird diese Situation durch einen ständig angewachsenen Aufwand an Bürokratie, der geradezu groteske und bedrohliche Ausmaße angenommen hat. Das beginnt schon beim Arzt, der das Attest für eine häusliche Pflege ausstellt. Dieses Attest wird dann von einem Sacharbeiter der Krankenkasse überprüft, ob es in Ordnung ist. Woher dieser Mann wissen soll, was der Patient wirklich braucht, scheint zumindest schleierhaft.

Über den Papier-Krieg, den die ambulanten Pflegedienste bis zur endgültigen Abrechnung mit den Krankenkassen ausfechten, könnten Lothar Flick und Hans-Werner Hüvel stundenlang Geschichten erzählen. Die geballte Gewalt dieses "Formular-Terrors" prasselt aber auf die Mitarbeiter der Pflegedienste nieder, die ihre ohnehin schon strapazierten Kräfte ja eigentlich nur zum Wohle des Patienten einsetzen sollten.

Für jeden Kunden muss der Pfleger eine minutiöse und detaillierte Pflege-Dokumentation führen. Ganz zu schweigen von den zwei Leistungsnachweisen, die der Pfleger pro Patient auch noch auszufüllen hat. Das dient einerseits natürlich der Sicherheit des Patienten wie auch der des betreuenden Pflegedienstes. Doch wird der erhebliche Aufwand für das Führen der Dokumentation weder in den Pflegezeiten angerechnet noch finanziell entlohnt.

So werden die Mitarbeiter zwischen Pflege und Bürokratie aufgerieben. Mit dem Erfolg, dass die Pflegedienste inzwischen ernsthaft um ihren Nachwuchs fürchten. Lothar Flick: "Wir erleben es ständig, dass ehemalige Pflegekräfte lieber als Sachbearbeiter oder Prüfer zu den Krankenkassen wechseln, um dem täglichen Berufsstress zu entfliehen. Und der qualifizierte Nachwuchs überlegt es sich sehr genau, ob er in der eher überschaubaren Arbeitswelt eines Pflegeheims arbeitet oder ob er die zusätzlichen Strapazen eines ambulanten Dienstes auf sich nimmt."

In dieser Notlage haben sich jetzt alle 24 ambulanten Pflegeeinrichtungen im Kreis Paderborn (die eigentlich Konkurrenten sind) zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen. Verbessern lassen sich die Arbeitsbedingungen der Pflegedienste nur in Verhandlungen mit den Krankenversicherungen auf Landesebene. Mit Aktionen in Paderborn will die Interessengemeinschaft diese Verhandlungen jetzt mit dem nötigen "Druck von unten" unterstützen:

Am Mittwoch, 24. Oktober, werden die Pflegedienste mit einem Autokorso durch die Stadt fahren und ihre Forderungen an die Krankenkassen überbringen, mit einer Abschlussveranstaltung um 15 Uhr vor dem Paderborner Rathaus. Im November ist eine Demonstration in der Innenstadt geplant.

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