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Paderborn/Essen Aufklärung oder Geschichtsfälschung?

Streit um Buch "Linksextrem": Schöningh soll Beweise liefern

VON JUTTA STEINMETZ
20.10.2012

Paderborn/Essen. Eigentlich führen wissenschaftliche Bücher ein Mauerblümchen-Dasein. Es sei denn, ein gut aussehender Philosoph hat eines geschrieben oder die in kleiner Auflage erschienene Doktorarbeit einer prominenten Person gilt als Plagiat. Dann finden auch Fachbücher Beachtung. Seit geraumer Zeit allerdings ist ein Werk aus dem Verlag Ferdinand Schöningh sogar Thema im Landgericht Essen.

Bis über die Klage entschieden ist, mit der der Vorsitzende der Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) gegen das Buch "Linksextrem – Deutschlands unterschätzte Gefahr?" angeht, wird aber noch einige Zeit ins Land gehen. Unterdessen wird von anderer Seite Kritik an der Wissenschaftlichkeit der Veröffentlichung von Harald Bergsdorf und Rudolf van Hüllen laut.

Wie bereits berichtet, will der MLPD-Vorsitzende Stefan Engel einige Passagen, die die beiden Autoren formulierten, nicht mehr lesen müssen. Stellen, die die Partei etwa als "Politsekte" bezeichneten und ihm selbst einen an "die Vorbilder Stalin und Mao gemahnenden Personenkult" zuschrieben, müssten geschwärzt oder gestrichen werden, verlangt Engel.

Da wollen nun die Richter in Essen genau hinsehen. Sie haben jetzt einen so genannten Hinweis- und Auflagenbeschluss verkündet. Die 4. Kammer geht nämlich davon aus, "dass es sich bei einigen strittigen Äußerungen um Tatsachenbehauptungen, nicht um Werturteile handelt", teilte die Pressestelle des Gerichts auf Anfrage mit. Somit muss der beklagte Schöningh Verlag demnächst "noch weitere Tatsachen vortragen und Beweis antreten".

Während man am Jühenplatz einige Wochen Zeit für eine Stellungnahme hat, sind die beiden Autoren in die Kritik geraten. Dass Bergsdorf und der ehemalige Verfassungsschützer van Hüllen laut Verlagswerbung engagiert und klug "über die unterschätzte neue Gefahr" des Linksextremismus aufklären, das wird nicht nur von der MLPD, sondern auch von renommierten Wissenschaftlern völlig anders gesehen, wie in der aktuellen Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung-Online zu lesen ist. Dort brandmarkt der Soziologe Arno Klönne die Veröffentlichung aus dem Schöningh-Verlag unter der Überschrift "Wie Geschichte verfälscht wird" als zumindest mit wissenschaftlichen Fehlern behaftet.

Vor allem die Darstellung von Rosa Luxemburg, von van Hüllen und Bergsdorf als "fanatische Hetzerin" und "rigorose Gegnerin der Demokratie als solcher" charakterisiert, rückt der Paderborner Wissenschaftler in seinem Artikel gerade und bemerkt zu den Ausführungen des Autoren-Duos: "Würden Schüler in einem gymnasialen Leistungskurs Geschichte, denen ja seriöse Unterrichtswerke unter anderem aus dem Verlag Schöningh zur Verfügung stehen, die historischen Umstände vor und um 1919 so darstellen wie es die beiden Autoren tun, bekämen sie zu Recht ein ,mangelhaft’."

Und so ist für den emeritierten Professor, der selbst die Themen Faschismus und Rechtsextremismus zu seinen Forschungsschwerpunkt zählt, die Wertschätzung von Harald Bergsdorf und Rudolf van Hüllen im Hause Schöningh letztlich nicht erklärlich. "Rätselhaft ist", schreibt Arno Klönne, "weshalb ihr Buch vom Verlag mit den Sätzen beworben wird, da werde ,klug aufgeklärt’, ,umfassend analysiert’. Vielleicht wurde von den Schreibern des Klappentextes dieses Werk mit einem anderen Schöningh-Buch verwechselt."

Ob die Gerichtsverhandlung Arno Klönne, der selbst ein Standard-Werk zur Geschichte der Hitlerjugend verfasst hat, bei der Lösung dieses Rätsels weiterhelfen kann, bleibt abzuwarten. Frühestens in zwei Monaten werde entschieden, wie der Prozess weitergeführt wird, teilte die Pressestelle des Essener Landgerichts mit.
     

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