0

PADERBORN Das Bier zum Buch

Schriftsteller Thomas Pletzinger kann lakonisch erzählen und komisch sein

VON JOCHEM SCHULZE
17.05.2012 | Stand 16.05.2012, 21:25 Uhr
Thomas Pletzinger liest mit dem Bier auf dem Pult. Später erzählt er von Trinkspielen der Profis im ICE-Restaurant. - © FOTO: SCHULZE
Thomas Pletzinger liest mit dem Bier auf dem Pult. Später erzählt er von Trinkspielen der Profis im ICE-Restaurant. | © FOTO: SCHULZE

Paderborn. Die Diskussion um das beste Fußballbuch währt lang. Viele Freunde der Literatur und des Kickens präferieren "Eine Saison mit Verona" von Tim Parks. Darin schildert der Engländer seine Erfahrungen mit dem italienischen Erstligisten Hellas Verona, den er eine komplette Spielzeit lang als Fan auf den Zuschauertribünen begleitet hat. Die Frage nach dem besten deutschen Basketballbuch ist wohl seit einigen Monaten geklärt. Das Werk heißt "Gentlemen, wir leben am Abgrund" und ist von Thomas Pletzinger.

Diesen Eindruck vermitteltete eine Veranstaltung der Universität am Dienstagabend. Da las der Schriftsteller auf Einladung des Instituts für Anglistik und Amerikanistik. Pletzinger war in der Serie 2010/11 mit dem Bundesligateam von Alba Berlin unterwegs. Nicht wie Parks auf den Rängen, sondern auf der Mannschaftsbank. Zwischen Trainern und Spielern. In der deutschen Bundesliga und im Europapokal. "Ich habe eine Saison lang das erlebt, was ich als Kind hätte sein wollen", sagte Pletzinger, der in der westfälischen Basketball-Hochburg Hagen aufwuchs und seinen Traum vom Profidasein erst mit 19 Jahren aufgab. "Da habe ich eingesehen, dass es nicht reicht", verriet der 36-Jährige, der mit seinem Romandebüt "Bestattung eines Hundes" schon im Jahr 2008 für viel Aufmerksamkeit gesorgt hatte.

In den "Gentlemen", dessen Titel einem Satz des Alba-Trainers Luka Pavicevic nach einer deprimierenden Niederlage entlehnt ist, benutzt Pletzinger das Prinzip der teilnehmenden Beobachtung. Gekonnt lakonisch beschreibt er die endlosen Busfahrten über deutsche Autobahnen, trostlose Hotel-Lobbys in Süditalien, den "auf irritierende Weise faszinierenden" serbischen Coach, parteiische Schiedsrichter und die finale Niederlage beim Erzrivalen in Bamberg. Immer wieder gelingen dem verhinderten Basketballstar aber auch komische Momente. Die höchst amüsante Schilderung eines Werbe-Auftritt des Berliner 2,15-Meter-Manns Patrick Femerling in einem etwas heruntergekommenen Berliner Möbelhaus sorgte im Hörsaal für echte Lacher.

Überhaupt geriet Pletzingers Lesung erfrischend unakademisch. Schon vor Beginn wurde Bier verkauft. Besseres und billigeres als bei den Heimspielen der Paderborn Baskets im Sportzentrum Maspernplatz. Die Halle kommt in Pletzingers Buch nicht vor. Denn in der Serie 2010/11 waren die Domstädter schon abgestiegen.

Dennoch spielt ein Paderborner in den "Gentlemen" eine Rolle. Marius Nolte, Kultfigur des heimischen Basketballs und inzwischen in Frankfurt unter Vertrag, wird von Pletzinger treffend beschrieben. Der Centerspieler sehe aus wie ein US-amerikanischer Singer/Songwriter und spiele wie ein Holzfäller. Damit konnte der Absolvent der Paderborner Uni, der sich die Lesung nicht entgehen ließ, gut leben. Und wenn Nolte demnächst in Frankfurt Marcel Reich-Ranicki treffen sollte, hat er einen Tip für ihn parat. Er lese keine Sportbücher, hatte der "Literaturpapst" unlängst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erklärt. Dann aber sollte er wenigstens Pletzingers nächstes Buch kennenlernen.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group