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Stefan Freise appelliert an den Verstand der Eltern, die Kinderfotos online stellen. - © FOTO: REINHARD ROHLF
Stefan Freise appelliert an den Verstand der Eltern, die Kinderfotos online stellen. | © FOTO: REINHARD ROHLF

PADERBORN Mit der Web-Gemeinde am Wickeltisch

Facebook und Co.: Internet-Experte Stefan Freise stört der Sozial-Exhibitionismus vieler Eltern

VON FLORIAN PFITZNER
22.09.2011 | Stand 22.09.2011, 10:01 Uhr

Paderborn. Kleine, zarte Kinderhände umfassen die Zeigefinger des Papas. Zähne blitzen, Augen leuchten. Vater und Sohn strahlen zwischen Bauklötzen und Legosteinen in die Kamera. Zwei Personen bei Facebook "gefällt das" – anders als Stefan Freise. Deshalb engagiert sich der Paderborner in dem sozialen Netzwerk für die Rechte der Kinder.

Immer mehr Eltern präsentieren ihre Kinder mittels Facebook im Internet. Sogar der ungeborene Nachwuchs ist bereits im Netz zu sehen. Statusmeldungen bei den Online-Diensten Twitter und Facebook versorgen die Web-Gemeinde mit Details zur Schwangerschaft. Ultraschallaufnahmen kursieren in der virtuellen Welt ebenso wie Geburtstermine und erste Babybilder. Gegen diese Mode wendet sich die populäre Facebook-Gemeinschaftsseite "Keine Kinderfotos im Social Web".

"Die Eltern sollen ihre Kleinen da raus halten"

Gründer Stefan Freise erklärt sich zum "Agenten der Kinder", sofern für ihn der Eindruck entsteht, dass Eltern ihre Interessen über die ihrer Kinder stellen. "Oder noch schlimmer: wenn sie diese miteinander verwechseln." Ein klassisches Exempel sieht der zweifache Vater darin, wenn Mütter und Väter stolz, aber gedankenlos vermeintlich niedliche Badewannen-, Wickeltisch- und Töpfchen-Fotos posten, also an die virtuelle Pinnwand anschlagen. "Die Eltern sollen ihre Kleinen da raus halten", so Freise. "Auch Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre."

Der Erfolg seiner Facebook-Seite "Keine Kinderfotos im Social Web", mit der der Internet-Experte "ein Zeichen setzen" will, ist messbar: Weit mehr als 600 Menschen haben bisher ihre Sympathie für die Idee bekundet. "Super Seite", jubelt ein Fan des Facebook-Auftritts. "Endlich weiß ich, dass ich mit meiner Überzeugung nicht alleine dastehe." Ein anderer User gibt zu bedenken: "Wer weiß, wer all diese Bilder sieht."

Wo die Kinderfotos landen, ist kaum abzusehen

Wo die Kinderfotos im Laufe der Zeit landen, sei für die Eltern kaum abzusehen, sagt der Paderborner Soziologe Arno Klönne. "Es kann bedeuten, dass man das eigene Kind irgendwann auf einer Werbeanzeige wiederfindet – oder dass es in einer Bildersammlung auf einem privaten Computer eines Unbekannten landet."
Kinder wie Erwachsene haben ein Recht am eigenen Bild.

"Allerdings üben die Eltern dieses Recht bis zum 18. Lebensjahr für ihre Kinder aus", erklärt der Paderborner Rechtsanwalt Peter Disselmeyer. "Bis dahin entscheiden die Eltern, was okay und was peinlich ist." Üben sie ihre Rechte unangemessen aus, weil sie etwa grenzwertige Nacktbilder online stellen, kann das Jugendamt und darüber hinaus das Familiengericht einschreiten, sagt Disselmeyer.

"Eltern müssen sich im Klaren über ihr Handeln sein"

Die Grenzen der Legalität – und des guten Geschmacks – sind mitunter rasch überschritten. "Eltern müssen sich im Klaren über ihr Handeln sein und für ihr Kind mitdenken", sagt Soziologe Klönne. Facebook-Aktivist Freise empfiehlt vehement: "Bevor Eltern die Babybilder wie selbstverständlich online stellen, sollten sie sich fragen, ob das Kind damit in zehn oder zwanzig Jahren einverstanden sein wird."

Klönne beobachtet einen "allgemeinen Drang", der einen Erklärungsansatz für diese "erstaunliche Entwicklung" in sozialen Netzwerken wie Facebook bietet: "Für viele Menschen ist etwas erst dann wirklich existent, wenn sie es virtuell vermitteln."

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