PADERBORN Einst von der Feuerwehr entwaffnet

Neue Eigentümer lassen den "Kleinen Hermann" an der Detmolder Straße restaurieren

VON WOLFGANG STÜKEN
Axel Kebernik bringt vom Baugerüst in luftiger Höhe am "Kleinen Hermann" an den abgewitterten Wasserlaufzonen der Skulptur eine mineralische Schlämme auf. - © FOTO: MARC KÖPPELMANN
Axel Kebernik bringt vom Baugerüst in luftiger Höhe am "Kleinen Hermann" an den abgewitterten Wasserlaufzonen der Skulptur eine mineralische Schlämme auf. | © FOTO: MARC KÖPPELMANN

Paderborn. Axel Kebernik lacht. "Nein, seine Blickrichtung wird der Kleine Hermann nicht ändern." Aber dann fügt der Restaurator und Bildhauermeister, der dabei ist, das Denkmal auf dem Haus Detmolder Straße 31 für Wind und Wetter der nächsten drei Jahrzehnte fit zu machen, mit einem verschmitzten Lachen hinzu: "Vielleicht bekommt er bei der nächsten Restaurierung ja ein Drehpodest. Dann kann er immer dorthin schauen, wo gerade der Feind lauert. Zum Beispiel zum Rathaus."

Dabei sitzt im Rathaus gar kein Widersacher des Kleinen Hermann. Axel Kebernik spielt mit der Bemerkung nur auf den eher spärlichen Topf an, den der Rat für Denkmalpflegemaßnahmen im Stadtgebiet gebildet hat. 15.000 Euro im Jahr stehen zur Verfügung. Schon neun Antragsteller haben 2011 bei der Stadt angeklopft, um aus diesem Topf gefördert zu werden. Da kann der "Kleine Hermann" allenfalls mit einer kleinen Finanzspritze rechnen.

Aber Robert Ochsenfarth von der Firma Ochsenfarth und Wibbeke, einem Paderborner Unternehmen für Restaurierungen und Denkmalpflege, hat den beiden Eigentümern des Hauses Detmolder Straße 31 einen fairen Preis für die dreiwöchigen Arbeiten gemacht. "Ich bin doch 300 Meter von hier geboren", sagt Ochsenfarth, der im Schatten des Kleinen Hermann aufgewachsen ist. Er hat daher eine besondere Beziehung zu dem steinernen Recken. 3.600 Euro wird er in Rechnung stellen. Dafür ist kein Drehpodest zu haben. So wird der Kleine Hermann eisern weiter Richtung "Teuto" blicken, wo sein großes Vorbild steht: Das von Ernst von Bandel erbaute Hermannsdenkmal. Es wurde als neues deutsches Nationalsymbol anno 1875 vollendet und gefeiert.

Peter Seeboth, der eine Steuerberatung für Arbeitnehmer betreibt, und Immobilienverwalter Alexander Stockmann haben das Haus Detmolder Straße 31 im August 2010 erworben und im Erdgeschoss ihre Büroetage eingerichtet. Zur werterhaltenden Sanierung des Objektes gehört der weithin sichtbare Blickfang auf dem Dach des dreigeschossigen Hauses.

Das Haus wurde 1907 bis 1910 im Stil der Neorenaissance errichtet. Der Bauunternehmer Franz Tölle, der das Gebäude erwarb, gab beim Bildhauer Anton Fecke zum 1900-jährigen Jubiläum der "Hermannsschlacht" (1909) die kleinere Kopie des großen Hermann vom Berg Grotenburg im "Teuto" in Auftrag gab. 1919 verkaufte Tölle das Haus mit dem Schwertträger auf dem Dach an Heinrich Trienens.

Auch wenn "Kleine Hermann" seit nunmehr 102 Jahren Richtung Lippe blickt: Er hatte den Paderbornern in seiner Entstehungszeit eine Menge zu sagen. Der Historiker Dietmar Klenke hat anlässlich des 2000. Jahrestages der Varus-Schlacht intensiv geforscht. Der Zeitgeist, der im "Kleinen Hermann" verkörpert ist, habe auch Paderborn als damalige Hochburg des politischen Katholizismus den Anschluss an den Wilhelminischen Reichsnationalismus finden lassen, sagt der Professor für Neueste Geschichte an der Paderborner Uni. Robert Ochsenfarth hat Klenkes Arbeit intensiv studiert, bevor er die Restaurierung in Angriff nahm.

1945 wurde das Haus durch Bomben des Zweiten Weltkriegs schwer beschädigt. Der Eckturm mit dem Kleinen Hermann aber blieb unzerstört. 15 Jahre später tobte ein schwerer Sturm. Arm und Schwert der knapp sechs Meter hohen Figur drohten herunter zu fallen. Die Feuerwehr amputierte und entwaffnete das Denkmal. Das im Hof gelagerte kupferne Schwert verschwand irgendwann. 1986 wurde der "Kleine Hermann" unter Denkmalschutz gestellt.

Damals sorgte die Steinmetzinnung Paderborn unter ihrem Obermeister Herbert Görder anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens für die originalgetreue Wiederbewaffnung. Die damalige Eigentümerin des Gebäudes, Monika Zinkhöfer, beteiligte sich an der Reparatur der Skulptur mit 30.000 Mark. Diese Arbeiten dauerten bis 1988.

23 Jahre später war Paderborns "Kleiner Hermann" wieder an der Reihe. Nun trotzt er wieder tapfer jedem Wetter.

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