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Robert Zollitsch liest die "Kabbalat Schabbat". Der Text darin ist ein Teil des Gottesdienstes am Freitagabend und wird traditionell zu Sonnenuntergang gebetet. Links sieht man die Tora-Rollen. Darin steht der erste Teil der hebräischen Bibel. - © FOTO: RALF MISCHER
Robert Zollitsch liest die "Kabbalat Schabbat". Der Text darin ist ein Teil des Gottesdienstes am Freitagabend und wird traditionell zu Sonnenuntergang gebetet. Links sieht man die Tora-Rollen. Darin steht der erste Teil der hebräischen Bibel. | © FOTO: RALF MISCHER

PADERBORN Ein ganz gewöhnlicher Jude

WOCHEN DER RELIGIONEN (2): Die Gesetze zu befolgen, ist nicht immer leicht

VON RALF MISCHER
22.06.2011 | Stand 21.06.2011, 22:44 Uhr

Paderborn. Die Probleme stellen sich für ihn schon ein, wenn er eine Grundregel des Judentums befolgen möchte: Am siebten Tage soll man keine Arbeit verrichten.


Das ist schwierig, denn wer nicht arbeiten soll, darf auch nicht Auto fahren. Selbst der Zug oder das Taxi sind tabu. Diese Regel kollidiert unmittelbar mit einer anderen - nämlich der, dass man den Gottesdienst am siebten Tag, dem Sabbat, in einer Synagoge feiern soll. Denn Wolfgang Zollitsch (67) lebt in Soest - und seine Synagoge steht in Paderborn. Ein Jude, der seinen Glauben ernst nimmt und in der Region lebt, muss deshalb kreativ sein. "Man braucht eine gute Logistik", sagt Zollitsch.

Auf das Auto kann er nicht verzichten. Dennoch ist er mit Hin- und Rückfahrt drei Stunden unterwegs. Zollitsch: "Wenn man den Gottesdienst besuchen möchte, braucht man sehr viel Geduld." Die bringt er mit und besucht so oft wie möglich seine Gemeinde in der Pipinstraße. Wenn er es nicht schafft, könnte er notfalls auch zuhause beten. Allerdings nur, wenn es gar nicht anders geht. Selbst dann müsste er zunächst versuchen, eine Minjan zu organisieren - das ist eine Betgemeinde. Zehn männliche Beter sind dafür notwendig, um die Mizwa - das Gebot - zu erfüllen. Die Beter zu finden, ist aber nicht einfach. Selbst bei den Gottesdiensten in der Synagoge gibt es ein Problem: Die Gemeinde ist mit ihren schätzungsweise 65 Mitgliedern die kleinste in Westfalen. Nicht zuletzt deshalb findet nur alle zwei Wochen ein Gottesdienst statt.

Information

Woche der jüdischen Religion

Im Rahmen der Wochen der Religionen informieren Mitglieder der jüdischen Gemeinde über ihren Glauben. Wer an einer Veranstaltung teil nehmen möchte, sollte sich beim Kulturamt anmelden. Telefon: (0 52 51) 88- 23501.

22. Juni, 18.30 Uhr, Synagoge, Vortrag "Jüdisches Leben in Deutschland" (Tanja Rubens, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde)

24. Juni, 17.30 Uhr, Synagoge, Jüdischer Kulturabend mit Gottesdienst.

Auch ganz alltägliche Gebote wie die jüdischen Speisegesetze lassen sich nur schwer erfüllen: "Koschere Geschäfte gibt es in der Region nicht", weiß Zollitsch. Man könne sich zwar per Versandhandel koschere Lebensmittel bestellen - oder man nimmt die Gesetze nicht ganz so ernst.

"Ich muss einen Kompromiss eingehen, der für orthodoxe Juden abenteuerlich klingen würde", beschreibt Zollitsch seinen Umgang mit den Regeln. Auch wenn er sie manchmal etwas freier interpretiert, steht für ihn außer Frage, dass es Regeln geben muss: "Ich halte es mit Voltaire, der gesagt hat, dass man die Religion erfinden müsste, wenn es sie nicht gäbe." Religion begreift er in diesem Sinne als ethisch moralische Instanz, die den Menschen den richtigen Weg weist. "Eine irdische Instanz wäre nicht stark genug."

Dass er an seinem Glauben festhält, ist für ihn auch in der Geschichte begründet: "Für mich gibt es sechs Millionen Gründe, Jude zu sein", sagt er - und schweigt einen Moment. "Die Menschen in den Konzentrationslagern haben gelitten - ich nicht", ergänzt er dann. Für Zollitsch ist das ein Anlass zur Solidarisierung mit den Opfern - und mit der Religion. "Ich kann nicht so tun, als würde mich das nicht betreffen", sagt er. Ein Leben in Israel kommt für ihn zwar grundsätzlich in Frage - auch weil er dort die Glaubensregeln viel strenger einhalten könnte. "Andererseits möchte ich nicht, dass die Auswirkungen des Nationalsozialismus heute noch zu spüren wären, in dem Menschen wie ich das Land verlassen. Unter anderem deshalb bleibe ich." Die jüdische Tradition in der Region fortzusetzen sei aber schwierig. Nicht nur aufgrund der praktischen Glaubensprobleme.

"Wenn ich mit Menschen spreche, und sage, dass ich Jude bin, höre ich oft: ’Ach, das ist ja interessant.’" So recht weiß er dann nicht, was er von diesem Satz halten soll: Einerseits freut er sich über das Interesse, andererseits wird er daran erinnert, dass er anders ist. Dann fühlt er sich ein wenig wie Emanuel Goldfarb im Spielfilm "Ein ganz gewöhnlicher Jude" von Oliver Hirschbiegel. Darin geht es um einen Juden, der ein ganz normales Leben in Deutschland führen möchte - und am Ende feststellt, dass das nicht möglich ist.

"Ich bin nicht ganz frei", sagt Zollitsch nach einer längeren Pause. Hält inne. Ergänzt: "Dass ich Jude bin, wird zu einem Teil meiner Persönlichkeit." Das merkt er manchmal in ganz alltäglichen Situationen. Zum Beispiel, wenn er es einmal eilig hat. In solchen Fällen würde auch er mal gerne mal über die rote Ampel laufen. Aber er wartet auf grün. Denn er hat Angst, den Menschen einen Anlass dafür zu geben, zu sagen, dass "der Jude über die rote Ampel geht."

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