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PADERBORN

Dr. Carsten Linnemann und der Rucksack des "KT"

Wie der Paderborner Bundestagsabgeordnete über die Affäre des Verteidigungsministers denkt

26.02.2011 | Stand 25.02.2011, 19:56 Uhr
"Auch eine Typ-Frage."
"Auch eine Typ-Frage."

Paderborn (st). Wenn sie von ihm sprechen, nennen sie ihn nur "KT". Fraktionsübergreifend. Der schlagzeilenträchtige Abschied dieses "KT", des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), von seinem Doktortitel war auf allen Fluren der Hauptstadt, auf denen Bundestagsabgeordnete unterwegs waren, das Thema der Woche. Wie ein junger Abgeordneter mit Doktortitel über diese Affäre denkt, schilderte Paderborns "MdB" Dr. Carsten Linnemann (CDU) im Gespräch mit der NW.

Zwar ist "KT" mit seinen 39 Lenzen der Gruppe der jungen Abgeordneten – 18 Parlamentarier unter 35 – entwachsen, "aber wir Jungen schätzen ihn menschlich und fachlich", sagt Linnemann (33). Ob "KT" nach der offiziellen Aberkennung des Doktortitels und der Aktuellen Stunde im Bundestag nun mit seiner Affäre über den Berg ist, weiß der Paderborner Abgeordnete indes nicht. "Nur er selbst kennt die Wahrheit," spielt Linnemann auf die Vermutung mancher Medien an, hinter der verkorksten Doktorarbeit könne ein noch nicht enttarnter Ghostwriter stecken. Dass die Doktorarbeit des Freiherrn "massive wissenschaftliche Fehler" aufweist, steht für Linnemann "außer Frage". Daher habe die Uni Bayreuth zu Guttenberg den Doktortitel "zu Recht aberkannt". Das Krisenmanagement, das der Minister in eigener Sache an den Tag legte, nennt Linnemann "unglücklich". Und fügt hinzu: "Es war irritierend, wie er bestimmte Aussagen innerhalb weniger Tage veränderte."

Den wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages, bei dem der promovierende CSU-Politiker Ausarbeitungen orderte und diese in seine Doktorarbeit einbaute, hat auch Carsten Linnemann in seinen eineinhalb Bundestagsjahren "zuweilen" schon in Anspruch genommen. "Vielleicht zehn Mal." Aber ausschließlich für Vorträge, die er als Abgeordneter halte, und zwecks Hintergrundinformation. Erst kürzlich habe dieser Dienst für ihn die Geschichte der arbeitsmarktpolitischen Instrumente aufgearbeitet. Diese Abteilung der Bundestagsverwaltung, an die die Bibliothek des Parlaments angedockt ist, leiste exzellente Arbeit, auf die er gern zurückgreife.

"Aber auf jeder Ausarbeitung steht, dass sie ausschließlich für Zwecke des Bundestages verwendet werden darf." Dies hätte auch "KT" klar sein müssen. Linnemann findet es richtig, dass sich nun der Ältestenrat des Bundestages mit der Thematik befasst. Vielleicht, so Linnemann, werden noch klarer gefasste Leitlinien für die Abgeordneten zur Inanspruchnahme dieses Dienstes dabei herauskommen.

Carsten Linnemann kann sich selbst kaum vorstellen, neben dem Abgeordnetenberuf eine Doktorarbeit zu stemmen. Er selbst hat 2006 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Lehrstuhl der TU Chemnitz "eine klassische Promotion" in Volkswirtschaftslehre absolviert – mit einem Stipendium der Adenauer-Stiftung. "Gut drei Jahre" hat er dafür gebraucht. Sein Thema: Die Liberalisierung des grenzüberschreitenden Straßengüterverkehrs vor dem Hintergrund der Welthandelsordnung. Dafür gab’s die Note "Magna cum laude".

Ist der "Dr." hilfreich für das politischen Geschäft? Der Titel habe sicher nicht mehr die Bedeutung wie vor 20 oder 30 Jahren, sagt Linnemann. Die Verwendung sei heute "auch eine Typ-Frage". Viele jüngere Akademiker (zu denen er sich auch selbst zählt) gingen "bescheidener" mit dem Doktortitel um. Was auch damit zu tun habe, das andere akademische Grade wie der MBA (Master of Business Administration) inzwischen international einen hohen Stellenwert erobert hätten.

Wie lange "KT" seine Schummelei bei der Doktorarbeit im politischen Geschäft anhängt, werden nach Einschätzung Linnemanns die nächsten Wochen entscheiden. "Ich glaube, dass unser Verteidigungsminister jetzt einen Rucksack zu tragen hat, in dem kein leichtes Gepäck steckt."

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