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Stephan Lübbers, der draußen auf einer Hebe-Arbeitsbühne steht, nimmt ein Fenster der Rikus-Fassade entgegen, das ihm sein Arbeitskollege Stefan Lücking anreicht. Der Ausbau ist nicht einfach, denn der Kitt sitzt extrem fest. - © FOTO: REINHARD ROHLF
Stephan Lübbers, der draußen auf einer Hebe-Arbeitsbühne steht, nimmt ein Fenster der Rikus-Fassade entgegen, das ihm sein Arbeitskollege Stefan Lücking anreicht. Der Ausbau ist nicht einfach, denn der Kitt sitzt extrem fest. | © FOTO: REINHARD ROHLF

Paderborn Jedes Glas wird nummeriert

Am Rathausplatz begann am gestrigen Montag die Demontage der Rikus-Fassade

VON WOLFGANG STÜKEN VON WOLFGANG STÜKEN
20.04.2010 | Stand 19.04.2010, 19:34 Uhr

Paderborn. Dieser Auftrag sei "eine spannende Sache", sagt Diplom-Restaurator Matthias Rüenauver (44). Im Auftrag der Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold hat sein Unternehmen Ars Colendi gestern mit den Vorarbeiten zur Demontage der Rikus-Fassade am Rathausplatz begonnen.

Der Ausbau des sechs Meter hohen und etwa 15 Meter breiten Fensters muss in zwei Wochen abgeschlossen sein. Am 3. Mai sollen die Abbrucharbeiten für den Umbau der Volksbank-Hauptverwaltung beginnen.

Bis zur kommenden Woche, wenn ein Autokran die neun Kupferplastiken der Rikus-Fassade, deren Innenleben aus massiven stählernen Doppel-T-Trägern besteht, herunterhievt, muss feststehen, wo das Kunstwerk zunächst eingelagert wird. Mehrere dafür geeignete Gebäude kommen in Frage.

Rüenauver hat das Konzept zur substanzschonenden Demontage der Rikus-Fassade entwickelt. Zunächst hat er sondiert, wie die vom Paderborner Bildhauer und Kulturpreisträger Josef Rikus entworfene Fassade 1969 in den damaligen Neubau der Bank eingebaut und vor das Foyer der bisherigen Westfälischen Kammerspiele gesetzt worden ist. Rüenauver: "Darüber gibt es keine Unterlagen mehr." Sicher ist, dass das Rikus-Werk keine statische Funktion für das Gebäude hat.

Der Chef des Unternehmens Ars Colendi konnte einen Mitarbeiter jener Firma ausfindig machen und befragen, die damals mit der Montage beauftragt war. Er konnte wichtige Hinweise geben. Die Befestigung der Kupferstelen muss behutsam geöffnet werden. Jede Stele ist schätzungsweise zwei Tonnen schwer.

Rüenauver, Sohn des ehemaligen Paderborner und späteren Kölner Diözesanbaumeisters Josef Rüenauver, hat Josef Rikus (1923-1989) noch persönlich gekannt. "Ich freue mich, dass dieses Werk erhalten bleibt und einen neuen Standort erhält." Im Gespräch dafür ist die Fassade der geplanten neuen Sporthalle des Reismann-Gymnasiums.

Er schätze den Wert gerade dieser Arbeit von Rikus sehr hoch ein, sagt der Diplom-Restaurator, der sich mit seinem 2003 gestarteten Unternehmen auf Restaurierungen, Konservierungen von Gemälden und Skulpturen und die Wandmalerei von Kirchen spezialisiert hat. Spezialaufträge zur Translozierung von Kunstwerken wie diesen Auftrag der Volksbank bezeichnet er als sein Steckenpferd. Josef Rikus sei für Paderborn "ein wichtiger Künstler" gewesen.

Damit der spätere Wiedereinbau des Kunstwerkes an einem neuen Standort ohne große Probleme gelingen kann, haben Mitarbeiter Rüenauvers das Fassadenelement zunächst genau vermessen. Dann wurden die einzelnen Glasscheiben kartiert und nummeriert.
Mit dem nächsten Schritt, der Öffnung der extrem harten Kittfalzen und der Windeisen, wird das Team von Ars Colendi noch mehrere Tage beschäftigt sein. Die ersten der 120, zum Teil mit Bleibändern unterteilten Glasfelder konnten bereits am gestrigen Tag eins der Aktion ausgebaut werden. Sie sind maximal 80 mal 60 Zentimeter groß, werden gereinigt und in Kisten verpackt.

Der Autokran, der in der kommenden Woche die neun als Plastiken ausgeführten Kupferstelen an den Haken nehmen wird, muss in der Hauptzufahrt zur Großbaustelle Kötterhagen platziert werden, wo Paderborns neues Theater und der Erweiterungsbau der Volksbank errichtet werden. Vermutlich kann der Kran daher erst ab Spätnachmittag oder am Abend eingesetzt werden, wenn auf der benachbarten Großbaustelle bereits Feierabend ist.

Ars Colendi (Geschäftsführer Matthias Rüenauver und Norbert Assmuth) beschäftigt mehr als 20 gewerbliche Mitarbeiter und vier Diplom-Restauratoren. Die Firma, die ihren Sitz an der Friedrich-List-Straße 25 hat, wo auch ein Atelier für Restaurierungen betrieben wird, ist bundesweit – Schwerpunkt: alte Bundesländer – tätig. Ars Colendi arbeitete aber auch bereits in den Niederlanden und in Israel. Auch aus dem Vatikan gab es schon einen Auftrag.
    

 
 
    

 
 
    
 
    

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