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In St. Stephanus, St. Heinrich und St. Bonifatius werden die Kinder aus Zeitmangel erst nach ihrer Erstkommunion mit dem Sakrament der Beichte vertraut gemacht. - © FOTO: REINHARD ROHLF/MONTAGE: THOMAS GRUNDMANN
In St. Stephanus, St. Heinrich und St. Bonifatius werden die Kinder aus Zeitmangel erst nach ihrer Erstkommunion mit dem Sakrament der Beichte vertraut gemacht. | © FOTO: REINHARD ROHLF/MONTAGE: THOMAS GRUNDMANN

PADERBORN Erstkommunion ohne Beichte

Mehrarbeit in Pastoralverbünden zwingt Gemeinden zu gravierender Änderung des Kirchenrechts

VON ANNEKE QUASDORF
27.03.2010 | Stand 26.03.2010, 19:45 Uhr

Paderborn. "Unbequeme Maßnahmen" hat Erzbischof Hans Josef Becker den zusammengelegten Gemeinden im Erzbistum prophezeit. Im Pastoralverbund Paderborn-Nord-Ost zeigt sich nun, dass von den Seelsorgern gefordertes Umdenken Maßnahmen nötig macht, die nicht nur unbequem sind, sondern auch auch gegen das Kirchenrecht verstoßen: Hier gibt es ein neues Konzept, nach dem die Kinder am 11. April die Kommunion empfangen werden, ohne auf das Sakrament der Beichte vorbereitet worden zu sein.

"Es war uns aus Zeitgründen nicht möglich, die Kinder in beides, Kommunion und Beichte, einzuführen", sagt Pfarrer Thomas Stolz. 111 Schüler nehmen in diesem Jahr an dem Initiationsritus teil. Da Stolz bereits seit über einem Jahr eine hauptamtliche Kraft wegen Krankheit fehlt und zudem eine halbe Stelle vakant ist, müssen die Mitarbeiter versuchen, den Gemeindebetrieb so gut es geht zu meistern.

Im Zuge der Neuregelung ist das Seelsorge-Team derzeit für 12.000 Gemeindemitglieder zuständig, Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen müssen erledigt werden - "unsere Woche hat auch nur 168 Stunden, wir müssen Abstriche machen."

Dass dieser Abstrich ausgerechnet die Beichte der Kommunionkinder betrifft, nimmt der Pfarrer in Kauf. "Wir werden das nachholen - ausführlich und in Ruhe. Die Beichte ist ein wesentliches Sakrament, das kann man nicht dazwischen quetschen." Zudem können Kinder-Sünden in den Augen des Geistlichen nicht so schwer sein, dass sie die Kommunion nicht empfangen dürfen. "Und wenn Eltern unbedingt wollen, können sie ihr Kind natürlich vorher zur Beichte schicken."

Doch ist dies nicht die einzige Kommunions-Neuerung, zu der Stolz sich genötigt sieht. Er überlegt zudem, die gemeinschaftliche Feierlichkeit am Weißen Sonntag abzuschaffen. "Ich sehe keinen Grund, warum sich die Erstkommunion auf diesen Tag im Jahr beschränken muss. Wir denken darüber nach, die Kinder anders vorzubereiten - vor allem, da uns die Eingliederung von drei weiteren Gemeinden bevorsteht."

So spektakulär diese Umgestaltung klingen mag, für viele Pfarrer Paderborns ist sie nichts Neues. Im Kopf spielen sie ähnliche Konzepte längst für ihre eigenen Verbünde durch. So auch Gerhard Spruck, Leiter des Pfarrverbunds Paderborn-Süd. "Spätestens, wenn der nächste Hauptamtliche in Ruhestand geht, müssen auch wir über Veränderung der Kommunion nachdenken. Das umfasst auch die Hinführung zur Buße." Elmar Nübold, Pfarrer der Liborius-Gemeinde, ist neuen Konzepten gegenüber ebenfalls aufgeschlossen. "Es ist zu überlegen, ob die Kinder weiter jahrgangsstufenübergreifend an einem Datum zur Kommunion gehen." Gemeindereferentin Alexandra Boxberger vom Pastoralteam Paderborn-West, ist angetan von der Vorreiterhaltung ihres Kollegen Thomas Stolz. "Im Hinblick auf die Zusammenlegung 2013 ist das sinnvoll und löblich. Und wird unseren Gemeinden zugute kommen, wenn wir uns ebenfalls umstellen."
Zur Orientierung richten Paderborner Pfarrer ihren Blick auch nach Schwerte. Dort praktizieren die sieben Gemeinden des Pastoralverbundes bereits seit Jahren ein unkonventionelleres Kommunions-Konzept. So entscheiden die Eltern, zu welchem Zeitpunkt und in welchem Alter sie ihre Kinder zur Kommunion schicken. Zudem gibt es die Möglichkeit, die Schüler vor dem Weißen Sonntag in kleinerem Rahmen zum ersten Mal zur Kommunion zu führen. "So können die Kinder die Bedeutung dieses Geschenks intensiver erfahren", sagt Gemeindereferentin Elsbeth Bihler.

Dass ihre Kinder die Kommunion durch das neue Konzept allerdings keinesfalls intensiver erfahren, dieser Eindruck treibt Eltern der Heinrichgemeinde auf die Barrikaden. In ihren Augen sind die Kinder durch die straffe Organisation nicht genügend vorbereitet. "Außerdem wurden wir bei der Vorbereitung der Messe vollkommen außen vor gelassen", sagen Julia Docherty und Monika Herold. "Jetzt gibt es für alle Gemeinden einen Einheitsgottesdienst, der der Individualität unserer Kinder nicht gerecht wird." Durch die große Anzahl der Kommunionkinder seien für den Gottesdienst zudem nicht genügend Plätze in der Kirche vorhanden, so dass einige Familien mit ihren Kindern bereits in die Stephanus-Gemeinde gewechselt hätten.

Dechant Benedikt Fischer bedauert den Ärger: "Wir sind aber nun mal in einer Übergangsphase, in der es auch zu Defiziten kommen kann." Das Defizit der Beichte, das nach der Aussage kircheninterner Stimmen äußerst kritisch zu bewerten ist, sieht auch der Dechant nicht so eng: "Das Kirchenrecht gibt Richtlinien vor, aber es existieren eben Situationen, in denen geht es nicht anders."

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