0

"Herrschaftsmacht über fremdes Vermögen"

Oberstaatsanwalt Heinrich Rempe fordert Gefängnisstrafe für Professor Benno Fuchssteiner

16.07.2009 | Stand 15.07.2009, 19:55 Uhr
Professor Fuchssteiner wird sich am Freitag verteidigen.
Professor Fuchssteiner wird sich am Freitag verteidigen.

Paderborn (JS). Lange Prozesse haben am Landgericht Paderborn Seltenheitswert. Das ist in Juristenkreisen bekannt. Im November 2008 brach diese Tradition, als die Verhandlung gegen den ehemaligen Mathematik-Professor Dr. Benno Fuchssteiner begann.

Nach rund 30 Tagen neigt sich aber auch diese ihrem Ende zu. Gestern plädierte Oberstaatsanwalt Heinrich Rempe – und forderte für den 67-Jährigen zweieinhalb Jahre Gefängnis.

Vom Vorwurf des Subventionsbetruges ist der Oberstaatsanwalt zwar mittlerweile weitgehend abgerückt. Doch Fuchssteiner habe sich, als er in diversen Projekten mit sechsstelligen Fördergeldern aus Landes- und Bundeskassen agierte, der Haushaltsuntreue schuldig gemacht, formulierte Rempe seinen Hauptvorwurf.

So habe der Professor bei der Erfüllung der umfangreichen Aufträge oft auf Leistungen zurückgegriffen, die zuvor mit Universitätsmitteln finanziert worden waren. Doch statt nach Abschluss der Projekte der Alma mater die Personalkosten aus den gut gefüllten Drittmittelkassen zu erstatten, habe Benno Fuchssteiner die Gelder gehortet, um sie dann über "unspezifische Rechnungen" an die Firma SciFace weiterzugeben. An jenes Unternehmen also, dass der Mathematiker auf Anregung des Wissenschaftsministeriums aus der Uni herausgegründet hatte, um das von ihm entwickelte Algebrasystem MuPAD marktfähig zu machen.

"Herrschaftsmacht über fremdes Vermögen" habe der Professor ausgenutzt, "wie ein Egomane, der die Bodenhaftung verloren hat", ist Rempe überzeugt. Eine Ansicht hat er revidiert: In zahlreichen Sitzungen hatte der Oberstaatsanwalt immer wieder betont, dass letztlich kein Schaden entstanden sei. Gestern rechnete er allerdings vor, dass der Uni Paderborn rund 220.000 Euro entgangen seien. Und auch der Bund hätte wohl kaum rund 900.000 Euro in ein Fuchssteinersches Projekt gesteckt, wenn die Personalkosten korrekt ein- und abgerechnet worden wären, mutmaßte der Oberstaatsanwalt. "Wir haben Täuschungshandlungen", sagte er. Auch wenn die geforderten Leistungen letztlich erbracht wurden. "Zweckgebundene Mittel wurden fehlgeleitet."

Glimpflicher soll der ehemalige Geschäftsführer von SciFace, Dr. Oliver K., davon kommen. Dieser habe mit den Vorgängen an der Uni nichts zu schaffen, bilanzierte Rempe. Der 45-Jährige sei ein "braver Diener seines Herrn" gewesen, charakterisierte er den langjährigen Wegbegleiter Fuchssteiners und forderte – wegen gemeinschaftlichen Betruges in zwei Fällen – eine 22-monatige Bewährungsstrafe. Zudem soll K. 10.000 Euro Geldbuße zahlen.

Den 90 Minuten währenden Ausführungen folgten Benno Fuchssteiner, Oliver K. und ihre Verteidiger Dr. Simone Kämpfer und Dr. Marcus Mosiek kopfschüttelnd. Monatelang hatten sie immer wieder betont, dass der Professor, der nach eigenen Angaben nur das "Weltkulturgut Mathematik" weiterverbreiten will, sowie Oliver K. in zulässiger Weise die eingeworbenen Gelder umgeschichtet hätten und von Betrügereien keine Rede sein könne. Am Freitag wird die Verteidigung ihre Sicht der Dinge darstellen, bevor dann die Richter zu ihrem Urteil finden.
    

Empfohlene Artikel

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.