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Bei einem Schüleraustausch geht es normalerweise darum, den Alltag in einem anderen Land kennen zu lernen. Doch an normalen Alltag ist derzeit kaum zu denken. - © Pixabay
Bei einem Schüleraustausch geht es normalerweise darum, den Alltag in einem anderen Land kennen zu lernen. Doch an normalen Alltag ist derzeit kaum zu denken. | © Pixabay

Paderborn Schüleraustausch unter außergewöhnlichen Bedingungen

Der zehnjährige Gaspard aus Frankreich lebt derzeit bei einer Paderborner Familie. Sein Alltag ist anders als zunächst gedacht.

Lena Henning
06.05.2020 | Stand 06.05.2020, 12:36 Uhr

Paderborn. Eigentlich geht es bei einem Schüleraustausch darum, das Leben des anderen in einem fremden Land kennenzulernen: den Alltag zu teilen, Unterricht in der Schule, Hobbys, vielleicht auch Sehenswürdigkeiten der jeweiligen Region zu besuchen. All das geht derzeit unter den Umständen der Corona-Pandemie nicht so wie gewohnt.

Gaspard (10) kommt aus einem kleinen Dorf bei Le Mans in Frankreich und verbringt derzeit einen sechsmonatigen Aufenthalt in Paderborn bei Familie Horstmann-Proft. Seine Gastfamilie versucht trotz der außergewöhnlichen Bedingungen alles, um ihm die Zeit so normal wie möglich zu gestalten.

Der französische Austauschschüler Gaspard (10) und sein Gastbruder Julius (10) haben viel Spaß zusammen. - © Lena Henning
Der französische Austauschschüler Gaspard (10) und sein Gastbruder Julius (10) haben viel Spaß zusammen. | © Lena Henning

Und das scheint trotz aller Einschränkungen gut zu funktionieren: Gaspard ist seit Anfang März in Paderborn - als er ankam, sprach er kein Wort Deutsch. Jetzt liest er "Harry Potter und der Stein der Weisen". Nach seinem Lieblingsessen in Deutschland gefragt, sagt er wie aus der Pistole geschossen: "Döner."

Silke Horstmann und Harald Proft haben derzeit vier Kinder: Tabea (12), die Zwillinge Julius und Valentin (10) - und Gaspard. "Langweilig wird es hier nicht, auch wenn man derzeit nicht so viel machen kann wie sonst", sagt Silke Horstmann. Sie spielen oft alle zusammen Gesellschaftsspiele. Gaspard liebt Kartenspiele.

Kinder wollen spielen, die Sprache ist zweitrangig

Organisiert wird der Austausch über den Verein Allef, der seit mehr als 20 Jahren Austausch mit Kindern im Grundschulalter anbietet. Damit sich Kinder und Eltern wohlfühlen, lege der Verein große Aufmerksamkeit auf die Auswahl der jeweiligen Familien. "Umgebung und Interessen sollten vergleichbar sein, damit sich das Kind schnell wohlfühlen kann", sagt Horstmann.

Julius hat von September an sechs Monate in Frankreich bei Gaspards Familie gelebt. Auch er konnte am Anfang kein Französisch - jetzt spreche er es fließend. "Kinder in dem Alter wollen zusammen spielen, da ist die Sprache erstmal nicht so wichtig", sagt Harald Proft. Julius habe in dem Dörfchen Rouessé-Vassé "viele Freunde gefunden, Handball gespielt und eine wundervolle Zeit in seiner französischen Austauschfamilie verlebt", erzählt seine Mutter.

Die Geburtstagsparty muss ausfallen

Das wollen sie Gaspard in ihrer Familie nun auch ermöglichen. Doch es kommt anders als gedacht. Eine Woche geht Gaspard in die vierte Klasse der Lutherschule, findet dort schnell Freunde. Seinen zehnten Geburtstag Mitte März wollen sie alle gemeinsam feiern. Doch dann werden infolge der Corona-Pandemie die Schulen geschlossen und Kontaktbeschränkungen erlassen. Im Fußballverein spielen, wie Gaspard es so gerne wollte, kann er nun nicht.

Die vier Kinder müssen fortan zuhause lernen. "Das ist eigentlich nicht so schlimm, aber ich vermisse meine Freunde", sagt Julius. Auch Gaspard macht seine Schulaufgaben wie die anderen. "In Mathe ist er sehr pfiffig", sagt seine Gastmutter. Die Aufgaben in Deutsch passen sie an, wenn sie zu schwer sind. Im Sachkundeunterricht lernen die drei Jungs gerade Verkehrszeichen. Denn eigentlich steht im vierten Schuljahr die Fahrradprüfung an. Ob die stattfinden wird - unklar.

"Vieles, was wir machen wollten, ist derzeit leider nicht möglich, schwimmen gehen zum Beispiel", sagt Horstmann. Doch sie suchen Alternativen. Die Jungs spielen Fußball im Garten oder Basketball auf dem Hof. Und die Familie versucht, Gaspard die Region trotz allem so gut es geht zu zeigen. Vor kurzem haben sie den Sonnenuntergang am Hermannsdenkmal angeschaut.

Gaspard gefällt's: "Paderborn ist groß, aber gut", sagt er. In seinem Heimatdorf wohnen nur etwas mehr als 800 Menschen. Noch hat er einige Monate Zeit, die Stadt und das Leben hier kennenzulernen - vielleicht auch bald wieder unter etwas weniger ungewöhnlichen Umständen.

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Alle Texte zum Thema "Coronavirus im Kreis Paderborn" finden Sie hier.

[NW+] Wie Paderborner Schüler in Zeiten von Corona lernen

[NW+] Warum Kinder gerade jetzt eine Bereicherung sind

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