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Am Vormittag blockieren Landwirte mit ihren Maschinen das Westerntor in Paderborn. - © Ralph Meyer
Am Vormittag blockieren Landwirte mit ihren Maschinen das Westerntor in Paderborn. | © Ralph Meyer

Paderborn Landwirte legen Verkehr in Paderborner Innenstadt lahm

Birger Berbüsse
22.10.2019 | Stand 22.10.2019, 17:08 Uhr |
Viktoria Bartsch

Ralph Meyer

Paderborn. Unzufrieden mit der Agrarpolitik der Bundesregierung zeigten sich am Dienstag bundesweit Zehntausende Landwirte in ganz Deutschland. In Paderborn blockierten viele hundert Bauern mit rund 300 Schleppern rund eine Stunde lang die Westerntor-Kreuzung. Anschließend starteten sie unter Polizeibegleitung einen Schlepperkorso rund um die Innenstadt und machten sich anschließend auf den Weg zu einem internen Treffen auf landwirtschaftlichen Flächen in der Nähe des Friedhofs „Auf dem Dören". Viele der demonstrierenden Landwirte hätten gern an der zentralen Kundgebung in Bonn teilgenommen. Wegen der (zu) weiten Anreise beschlossen am Montagabend spontan Landwirte aus den Kreisen Paderborn, Höxter, Gütersloh und aus Nordhessen, in Paderborn ein Zeichen zu setzen und die zentrale Westerntor-Kreuzung zu blockieren. Über Telefon und soziale Netzwerke stimmten die Landwirte, darunter auffallend viele junge Berufskollegen, ihr Vorgehen ab. Schlepper auf Schlepper rollte in Richtung Paderborn – um Punkt 11 Uhr war das Westerntor dicht. Und das hatte erhebliche Auswirkungen. Der Verkehr kam augenblicklich zum Stillstand, Lkw-Fahrer, Autofahrer und Fahrgäste in den Bussen hatten das Nachsehen. In den umliegenden Straßen staute sich der Verkehr, der Padersprinter konnte mehrere Haltestellen in der Innenstadt stundenlang nicht bedienen. Erst weit nach 15 Uhr, als die Demonstranten sich auf den Weg raus aus der City machten, normalisierte sich das Geschehen wieder. Die Polizei war von der nicht angemeldeten Demo ebenso wie die Verkehrsteilnehmer überrascht worden. Ihr Ziel war es, das Westerntor wieder teilweise befahrbar zu machen. Dafür wurden die Schlepper auf eine Rundtour um die Innenstadt geschickt. „Wir werden den Anweisungen der Polizei folgen und wollen keine Eskalation wie jüngst in den Niederlanden. Wir wollen aber Gehör finden", sagte Marcus Blome, Landwirt aus Delbrück, „schließlich ernähren die Landwirte nicht nur die Bevölkerung, sondern sichern auch jeden neunten Arbeitsplatz im nachgelagerten Bereich". Der bundesweite Protest richtet sich gegen das Angang September vorgestellte sogenannte Agrarpaket der Bundesregierung. Es hat zum Ziel, den Einsatz des Unkrautvernichters Glyphosat einzuschränken, mehr Geld für Umwelt- und Klimaschutz bereitzustellen sowie ein Tierschutzlabel und Aktionsprogramme für Insektenschutz einzuführen. Das wollen die Landwirte erreichen Die Landwirte wollen die bäuerlichen Familienbetriebe erhalten, doch dieses Ziel sehen sie durch das Agrarpaket gefährdet. Die Organisatoren lehnen außerdem die geplante Düngeverordnung der Bundesregierung ab. „Die angestrebten Maßnahmen helfen der Umwelt kaum, aber sie treffen uns Landwirte und Landwirtinnen mit voller Härte", monierte Blome. Für den notwendigen Dialog zwischen Landwirtschaft, Politik und Bürgern sprach sich auch der Asselner Landwirt Burkhard Berg aus. Der Schweineproduzent räume ein, dass die Landwirtschaft kein Streichelzoo sei. Gleichwohl gäbe es in Deutschland die besten Rahmenbedigungen weltweit. „Blumenwiesen sehen schön aus, aber die heutige Kulturlandschaft, die alle schätzen, ist erst von Bauernhand erschaffen worden", fügte er hinzu. Zunächst hatten viele Landwirte mit grünen Kreuzen auf ihren Äckern protestiert. Dieser stille Protest reicht nun vielen Landwirten nicht mehr. Die aktuellen Demos werden von der Initiative „Land schafft Verbindung" organisiert. Sie befürchtet, dass das Agrarpaket bäuerliche Familienbetriebe gefährdet. Mit der Reaktion der Bürger am Straßenrand waren die Landwirte zufrieden. „Viele haben den Daumen hochgehalten und uns gewunken", sagte Berg. Gleichwohl gab es auch negative Reaktionen. „Die könnten wenigstens mal die stinkenden Diesel abstellen", forderte ein genervter Passant. Auch in einigen Büros entlang der Demoroute wurden Klagen über Lärm und Abgasbelastung laut. Beim Padersprinter gingen etliche Beschwerden beziehungsweise Nachfragen von Kunden ein, die wissen wollten, wann und wo sie ihren Bus erreichen konnten. Johannes Giesguth, Kreislandwirt aus Bad Wünnenberg-Haaren, verfolgte die Demo am Westerntor als Zuschauer. Gleichwohl erinnerte er an rund 300.000 Stellen in der Landwirtschaft, die bereits weggefallen sein. Die jetzige Agrarpolitik nannte er „existenziell gefährdend". Deshalb sei diesmal vor allem der Berufsnachwuchs auf die Straße gegangen, fügte er hinzu.

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