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Bei Sprachproblemen zurückstellen? Grundschüler in Berlin. - © picture alliance/dpa
Bei Sprachproblemen zurückstellen? Grundschüler in Berlin. | © picture alliance/dpa

Vorstoß von Linnemann Einschulung nur mit Deutschkenntnissen: OWL-Kreise setzen auf Sprachförderung

Der Vorschlag, Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen später zur Grundschule zuzulassen, stößt auf Kritik. Auch in OWL.

Jemima Wittig
07.08.2019 | Stand 07.08.2019, 09:36 Uhr

Bielefeld. Deutsch hat sie mit „Kommissar Rex" und Disney gelernt. In den Sommerferien. Von sich aus. Weil man der damals Zehnjährigen gesagt hatte, dass sie „die deutsche Sprache nie auf Muttersprachenniveau beherrschen wird und voraussichtlich nur einen Hauptschulabschluss schafft". Victoria Star war im Jahr 2002 gerade mit ihren Eltern und der kleinen Schwester als Spätaussiedlerfamilie aus Novosibirsk in Russland nach Minden gekommen. Den Inhalt der Filme kannte sie schon, da sie sie in Russland mit ihrer Oma geschaut hatte. So konnte sie es sich übersetzen. „Wenn ich Aussagen wie die vom CDU-Abgeordneten Linnemann höre, zuckt alles in mir zusammen", sagt Star entsetzt. Bei Twitter fordert sie gar Politikverbot für den Unions-Fraktionsvize: Politikverbot für CDU-Anhänger, die den Schuss nicht mehr gehört haben https://t.co/wz1np2CyfE — Victoria Star (@victoriaxstar) August 5, 2019 Kritik an Linnemann aus den eigenen Reihen Nicht nur bei der Wahl-Bielefelderin stößt der Bundestagsabgeordnete aus dem Kreis Paderborn mit seinem Vorschlag, Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen später zur Grundschule zuzulassen, auf heftige Kritik. Er hatte gesagt: „Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen." Er schlug für betroffene Kinder eine Vorschulpflicht vor. Auch aus den eigenen Reihen kommt Widerspruch. „Was wir brauchen, ist gezielte Sprachförderung von Anfang an", sagte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Staatsministerin Annette Widmann-Mauz (CDU). „Wo, wenn nicht an der Grundschule, sollen Kinder wie ich die deutsche Sprache lernen?", fragt Victoria Star. In ihrer Grundschulklasse in Minden seien damals nur ein Drittel der Kinder Muttersprachler gewesen. Die anderen hätten wie sie Russisch oder Türkisch gesprochen. Unterstützt beim Deutschlernen wurden sie alle von ihrer Klassenlehrerin. „Sie sagte, ich benötige nur etwas mehr Zeit", erinnert sich Star. Die 26-Jährige hat inzwischen nicht nur das Abitur geschafft, sondern im vergangenen Jahr auch einen Master-Abschluss gemacht. Im Gespräch mit ihr hört man nicht, dass die 26-Jährige keine Muttersprachlerin ist. So fördern die Kreise Paderborn und Lippe die Sprachkenntnisse der Kinder Wie groß aber ist das Problem mit Sprachschwierigkeiten in OWL-Schulen? Linnemann bezog sich auf eine Auswertung aus Duisburg von Ende 2018, wonach von den zukünftigen Erstklässlern mit Migrationshintergrund im Jahr 2017 durchschnittlich 16,4 Prozent keine Deutschkenntnisse hätten. „Wir schätzen, dass etwa jeder fünfte Erstklässler bei der Einschulung wegen sprachlicher Defizite nicht in der Lage ist, dem Anfangsunterricht zu folgen. Das betrifft in erster Linie Kinder mit Migrationshintergrund – aber nicht nur", sagte Hans-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Im Kreis Paderborn sei das Problem nicht so groß, sagt Sprecherin Michaela Pitz. „Reichen die Deutschkenntnisse der Kinder bei der Schuleingangsuntersuchung nicht aus, wird die Schule darauf aufmerksam gemacht, dass hier Förderungsbedarf besteht." 5,2 Prozent der untersuchten Kinder hätten 2018 nicht Deutsch als Muttersprache gehabt. „Fehlende sprachliche Kompetenz ist kein Grund für eine Rückstellung", heißt es auch vom Kreis Lippe. „Bei fehlenden Deutschkenntnissen von Kindern mit Migrationshintergrund hat das Land NRW Mittel für Internationale Klassen eingerichtet." Kitas fänden bei Fragen rund um den Spracherwerb und die Sprachförderung Unterstützung bei Fachkräften aus einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Sprache.

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