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So viel ist klar: Die Linden und die Busspur am Marienplatz bleiben erhalten. Andere Fragen sind noch offen. - © Holger Kosbab
So viel ist klar: Die Linden und die Busspur am Marienplatz bleiben erhalten. Andere Fragen sind noch offen. | © Holger Kosbab

Paderborn Marienplatz: Ab wann ging die Sache schief?

Auch nach der Kehrtwende im Paderborner Rat gibt es weiter großen Wirbel um den geplanten Stadthaus-Neubau

Birger Berbüsse
20.06.2019 | Stand 19.06.2019, 19:08 Uhr

Paderborn. Die Entscheidung ist zwar gefallen, die Debatte um den Stadthaus-Neubau geht jedoch weiter. Je mehr Details ans Licht kommen, umso mehr stellt sich die Frage, ob das Debakel hätte verhindert werden können. Dabei geht es vor allem darum, welche Verantwortung die Stadtverwaltung und die Kirchengemeinde St. Liborius als Besitzerin des Marienplatzes tragen. Von beiden Seiten gibt es dazu unterschiedliche Aussagen. Monatelang hatte in Paderborn eine Diskussion über die mögliche Fällung der Linden am Marienplatz getobt, außerdem wurde ein Bürgerbegehren gegen den Neubau der Stadtverwaltung angestrengt. All dies gipfelte schließlich im Beschluss des Stadtrates vom Dienstag, den alten Beschluss einzukassieren. War das alles überhaupt nötig? Doch war all dies überhaupt nötig? Gerd Vieler, geschäftsführender Vorsitzender des Kirchenvorstands, hatte bereits nach dem Vorstoß des Bürgermeisters, Linden und Busspur zu erhalten, gegenüber nw.de erklärt: "Die Entscheidung hätte auch gar nicht anders ausfallen können." Dreier hatte sein Vorgehen, dass dem Ratsentscheid voraus ging, mit der Konsequenz aus Gesprächen mit der Gemeinde, den Architekten und der öffentlichen Diskussion begründet. Doch bereits im Februar 2018, also nach der ersten Sitzung des Preisgerichts, habe die Pfarrgemeinde der Stadt schriftlich mitgeteilt, dass die Pläne nicht ihren Anforderungen entsprächen, versichert Vieler auf erneute Anfrage. Zwar wolle der Kirchenvorstand sich nicht der Einbeziehung des Marienplatzes in ein städtebauliches Gesamtkonzept verschließen. Eine Grenze sei jedoch erreicht, wenn der religiös-spirituelle Charakter des Platzes auch als Gedenkstätte verloren gehe. Der Marienplatz müsse als eigenständig wahrnehmbarer Teil in der Gesamtplanung erhalten bleiben, lautete die Forderung. Außerdem solle er auch die Funktion eines geschützten Versammlungsortes erfüllen können. Warum zog die Pfarrgemeinde nicht eher die Reißleine? Nach der Preisverleihung sei der Pfarrgemeinde gesagt worden, es handele sich bei der Planung nur um einen groben Entwurf. In der Folge sollten die Wünsche und Vorstellungen berücksichtigt werden, hätte es geheißen. "Wir haben dann immer auf die neuen Pläne gewartet", sagt Vieler. So ging das von Treffen zu Treffen, was aus Sicht der Gemeinde auch erklärt, warum sie nicht viel eher die Reißleine gezogen beziehungsweise in die Öffentlichkeit gegangen sei. "Wir hatten immer noch Hoffnung auf eine Einigung", betont Vieler. Als der öffentliche Druck gestiegen ist, habe man immer mehr die Notwendigkeit gesehen, sich öffentlich zu positionieren. Dem kam Bürgermeister Dreier jedoch quasi zuvor, als er erklärte, dass die Linden und die Busspur bleiben sollen. So begründet die Stadt ihr Vorgehen Die Stadt schildert den Prozess der vergangenen Monate auf Anfrage von nw.de freilich anders. Nach Beauftragung der Planergemeinschaft Ende März 2019, was den Beginn der Planungen auf Basis des Wettbewerbsergebnisses darstellte, seien unmittelbar gemeinsame Gespräche mit Vertretern der Kirchengemeinde geführt worden. "Das Wettbewerbsergebnis sollte gemeinsam zu einer einvernehmlichen Lösung weiterentwickelt werden", so die Stadt. Eine deutliche und abschließende Entscheidung, dass die Linden am Marienplatz und die Stützmauer zwingend zu erhalten seien und damit eine Verschiebung der Busspur definitiv nicht mitgetragen werde, sei erst im Nachgang des letzten gemeinsamen Gespräches vom 23. Mai 2019 deutlich geworden. Darin hatte die Pfarrgemeinde nach eigener Aussage "klipp und klar gesagt, dass eine Verschwenkung der Busspur und eine Reduzierung des Platzes mit uns nicht möglich ist", so Gerd Vieler. Darüber hinaus sei es ein völlig normaler Vorgang, dass ein Wettbewerbsergebnis auf der Ebene einer Vorplanung noch planerisch weiterentwickelt werden müsse. Und auch, dass man sich dabei konkreter den aktuellen Anforderungen an die Gestaltung annehme und sich im Planungsprozess auch Rahmenbedingungen ändern könnten. "Gerade durch ein Vorziehen der Planungsarbeit zum Marienplatz sollte das gemeinsame Ergebnis schnellstmöglich in das Gesamtkonzept eingestellt werden", so die Stadt. Ein „Nein" zum Vorhaben sei für sie nicht absehbar gewesen: "Der Beginn der Planung war daher konsequent." Aus Sicht der Stadt habe während des Prozesses Einigkeit darüber bestanden, dass die Gespräche konstruktiv verliefen. "Offensichtlich konnten die in der Erarbeitung befindlichen Alternativen letztlich aber nicht den Erwartungen der Gemeinde gerecht werden", heißt es dazu in der Antwort der Stadt. Das sagt die Stadt zum Vorwurf der Steuerverschwendung Dem in der jüngsten Ratssitzung unter anderem von der FDP geäußerten Vorwurf der Steuerverschwendung widerspricht die Stadt vehement. Die derzeitigen Planungen befänden sich im Rahmen der beauftragten Leistungen des Architekturbüros zur Entwurfsplanung: "Damit sind keinerlei zusätzliche Kosten entstanden. Es sind zu keinem Zeitpunkt Steuergelder verschwendet worden." Auch durch eine frühzeitigere Berücksichtigung der Forderungen der Gemeinde hätte also kein Geld gespart werden können. Trotz der sich teils widersprechenden Aussagen, eines ist auf jeden Fall klar: Der Zeitplan für den Stadthaus-Neubau ist über den Haufen geworfen. Bis zum 31. Oktober soll dem Rat ein neuer Entwurf zur Entscheidung vorgelegt werden.

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