Regisseurin Alice Buddeberg macht aus dem Drama "Der Auftrag" ein aktionsreiches und wortgewaltiges Spektakel. - © Tobias Kreft
Regisseurin Alice Buddeberg macht aus dem Drama "Der Auftrag" ein aktionsreiches und wortgewaltiges Spektakel. | © Tobias Kreft

Theaterkritik zu "Der Auftrag": Wuchtiges Requiem auf die Revolution

Das Theater Paderborn zeigt Heiner Müllers Drama „Der Auftrag”.

Holger Kosbab
12.06.2019 | Stand 12.06.2019, 11:06 Uhr

Paderborn. Nach der Revolution ist vor der Revolution. Der Mensch und noch eher die Menschheit ist für Veränderungen nur bedingt empfänglich und bereit. Das zeigt der Blick auf die Geschichte wie auch Heiner Müllers Stück „Der Auftrag”. Regisseurin Alice Buddeberg macht aus dem Drama ein aktionsreiches und wortgewaltiges Spektakel. Zum Schauplatz der unmöglichen Revolution wurde das Studio des Paderborner Theaters, wo jetzt die Premiere war. Los geht’s in einer Büroetage. Eine Batterie mit 15 Arbeitszellen, jede bestückt mit Laptop, Tacker, Locher, Kaffeebecher. Ein Tag ist wie der andere. Ackern, schlafen, ackern. Und es gibt einen Aufrag, für den es hoch geht zum Chef. In die 4. oder 20. Etage – ist auch egal. Zu lauten Beats wird die französische Fahne geschwenkt Denn die Fahrt im Aufzug wird zum absurden Trip, bei dem die Zeit-Raum-Dimension aus den Fugen gerät und es kein Ziel gibt. Der vermeintliche Auftrag ist schon hinfällig, bevor er empfangen werden kann. Indem Buddeberg diesen Fahrstuhl-Albtraum anders als Müller ganz an den Beginn bugsiert, gibt sie die Richtung für das folgende Geschehen vor: den Auftrag, die in Frankreich erfolgreiche Revolution nach Jamaika zu exportieren und einen Sklavenaufstand zu entfachen. Die Überbringer der Revolution sind Galloudec, ein Bauer aus der Bretagne (Josephine Mayer), Debuisson, Arzt und selbst Sohn eines Sklavenhalters (Ogün Derendeli) und der Knecht Sasportas (Bobin Berenz). Doch ehe der rückblickend erzählte Auftrag erfüllt ist, hat Frankreich eine neue Spitze und das Anliegen ist hinfällig. Mit viel Remmidemmi stimmt sich das Trio auf die Revolution ein. Das Büro wird auseinandergenommen, Stühle durch die Gegend geschleudert. Teile des Bühnenbilds (Sandra Rosenstiel) werden verschoben und mit den Worten „Was kann ich tun, um wach zu werden?” und „Revolution” beschrieben. Zu lauten Beats wird die französische Fahne geschwenkt und der Schlachtruf zur Revolution gesucht. Das Deutschland-Lied, DDR-Hymne und arabischer Frühling klingen an und weisen auf die Bandbreite politischer Umwälzungen. Revolution und Tod als untrennbares Paar Dann wird das übergreifende Motto skandiert: „Die Revolution ist die Maske des Todes. Der Tod ist die Maske der Revolution". Revolution und Tod sind ein untrennbares Paar. Das schreibt Müller, wissend um das Gesicht der Revolution, so wie es die Geschichte zeigt. Im Text heißt es zudem: Aufstände sind winzig, Systeme sind riesig, es ändert sich nichts. Ganze Szenen prägend, nimmt Buddeberg die angelegte Maskerade auf. Schon bevor es an den eigentlichen Auftrag geht, sprechen Galloudec und Sasportas mit ans Krümelmonster erinnernden Mündern aus Lochern und Kunststoffaugen und verdeutlichen die übers Einzelpersonal hinaus gehende Allgemeingültigkeit. In teils absurde Bilder überführt Buddeberg das sichtlich sinnlose Vorhaben. Wenn sich Galloudec und Sasportas als Danton und Robespierre minutenlang auf ihre übergroßen Schaumstoffköppe kloppen, ist Revolution Kasperletheater. Auch der Engel der Verzweiflung und die grotesk verfallene Erste Liebe, zwei allegorische Unheilsbringerinnen, tauchen mit einer Stimme aus dem Off als Videoprojektion und Puppe auf. Auf das Leid der Einen folgt das Leid der Anderen Psychedelische Klänge, Klassik, Elektropunk oder harte Beats illustrieren den Puls der Aufständler musikalisch. Denn Revolution vollzieht sich zwar auch strategisch, vor allem aber ist sie körperlich. Und auf das Leid der Einen folgt oft das Leid der Anderen. Am Ende sind die Büroschränke mit einer offenen Seite zum Publikum gestapelt. Zu lesen sind Zahlen wie 1789, 1918 oder 1968 – alles Revolutions- oder Aufstandsdaten. Die politische Geografie hat sich seit dem Entstehen des Textes verschoben, doch Mechanismen und Ursachen von Aufständen bestehen fort. Die Inszenierung bringt Müllers bildmächtige, symbolschwere Sprache in ebenso wuchtigen Bildern auf die Bühne. Organisch und Blut getränkt ist sein Vokabular, womit er das Grauen und Wesen von Revolution spürbar macht. Dass am Ende nach viel Aktion nur noch geredet wird, schafft die Möglichkeit, alles schon mal ein bisschen sacken zu lassen. Das Grauen und Wesen einer Revolte wird spürbar Josephine Mayer, Ogün Derendeli und Robin Berenz bereiten dem Revolutionsgedanken ein starkes Requiem. Diese Dreierkonstellation bietet Raum, so dass jeder sprachmächtige Monologe hat. Und jeder darf Mätzchen machen, aufmucken und reflektieren. Das Premierenpublikum honorierte die mit starker Physis und stillen Momenten erbrachte Leistung des am Schluss sichtlich geschafften Schauspieltrios mit einem lauten und langen Applaus. Applaus für einen reizvollen Gegenentwurf zur trivial-lustigen, sommerlauen Revue „Wir sind mal kurz weg”, die das Theater Paderborn als Freilichtstück spielt.

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