Der Komponist Jerome steckt in einer Krise. - © Christoph Meinschäfer
Der Komponist Jerome steckt in einer Krise. | © Christoph Meinschäfer

Paderborn Von Maschinen und Menschen: "Ab jetzt" feiert Premiere im Theater Paderborn

Das Theater Paderborn zeigt Alan Ayckbourns Stück "Ab jetzt". Doch fehlt der Inszenierung etwas Wichtiges.

Paderborn. Ein verzweifelter Mann, der im Kampf um seine Tochter und um sowohl seine Ex als auch das Jugendamt zu täuschen zuerst eine Hostesse als perfekte Partnerin engagiert und dann einen Roboter zur Vorzeigefrau programmiert: Das birgt eine Menge Potenzial für einen unterhalsamen und vielleicht auch nachdenklich stimmenden Theaterabend. Ulrike Maacks Inszenierung von Alan Ayckbourns Stück "Ab jetzt" im Theater Paderborn erfüllt jedoch weder die eine noch die andere Erwartung. Adiletten, olle Strümpfe und getragene Klamotten überall auf dem Boden und den Möbeln, dazwischen jede Menge leere Verpackungen von Fastfood-Essen und Bierdosen. Damit ist auf den ersten Blick klar: Auch in einer undefinierten, nahen Zukunft, in der die Technik kräftig voran geschritten ist, müssen das Leben und alltägliche Dinge, ganz analoge Probleme bewältigt werden. Beziehungen gehen unabhängig von Zeit und Ort in die Brüche, inklusive des Streits ums Kind. In diesem Single-Verschlag, in der Video-Anrufe auf die Innenseite der Fensterläden aus Stahl projiziert werden und für schräge Einspieler sorgen, lebt der Komponist Jerome (Alexander Wilß) und steckt dabei in einer beachtlichen Krise. Seit ihn seine Ex-Frau Corinna verlassen hat, kriegt er nicht zwei Töne hintereinander. Sein letzter Erfolg war eine Werbung mit singenden Babys. Doch die Welt des Klangs hat ihn weiter im Griff. Kein Geräusch geht in seinem Haus an ihm vorüber. Im Abhörwahn zeichnet er alles auf, in der Hoffnung auf Verwertbarkeit. Nach der Pause gewinnt die Geschichte etwas an Tempo Mit Maschinen kommt Jerome gut aus. Passenderweise wohnt er mit der Roboterfrau Gou 300 F (Josephine Mayer) zusammen. Doch ihm fehlt seine Tochter Geain (Gesa Köhler). Damit sie wieder zu ihm darf, muss er Ex und Jugendamtsmitarbeiter (Carsten Faseler) von einem seriösen Lebensstil überzeugen. Helfen soll Zoe (Kirsten Potthoff), eine Hostesse, die sich als neue Partnerin ausgeben soll. Sie, eigentlich Schauspielerin, die lieber Shakespeare zitiert, lässt sich sich auf das Geschäft ein und beide landen sogar im Bett. Doch es bleibt bei dieser kurzen Rolle. Als Zoe spitzt kriegt, dass Jerome alles, auch den Sex, mitschneidet, zeigt er sich ihr gegenüber als zynisches Arsch. Er behandelt sie wie eine Maschine, die er im Ausschlachten der Tonaufzeichnungen letztlich akustisch missbraucht. Jetzt soll ein Chipwechsel helfen - und aus der als Kindermädchen konstruierten Gou 300 F wird die Vorzeigefrau. Gespeist mit Zoes Stimme und aufgenommenen Satzfetzen. Zugleich die Gestalt ändernd - bis zur Pause spielt Josephine Mayer das Robotmädel, danach ist es Kirsten Potthoff, die auch die nett-naive Zoe gibt - gewinnt die Geschichte nun endlich an Tempo. Denn: Der erste Teil ist deutlich zu lang und plätschert stellenweise dahin. Die notwendige Charakterzeichnung wäre auch fixer machbar gewesen. Vor allem aber ist der Humor nicht so bissig, wie er sein müsste. Nach der Pause ist zwar nicht alles gut, aber manches besser. Was vor allem an Potthoff liegt, die als Technobraut mit begrenztem Vokabular und programmierter Leidenschaft für Mann und Haushalt herrlich trocken ist und die Gesellschaft abserviert. Ab jetzt macht das Wiederholen von Worthülsen und das Kopieren albernen Lachens Sinn. Entlavt es doch menschliches Verhalten als Aneinanderreihung von Mustern und Marotten. Das Stück bietet viel aktuellen Stoff Ab jetzt treten auch die Themen klar hervor: Die Sehnsucht nach Liebe und Harmonie, die insgeheim Jerome wie auch seine Ex (Josephine Mayer) antreibt. Es geht auch darum, jemanden so zu nehmen, wie er ist - exemplarisch näher gebracht an der Figur Geain: Ist sie doch nicht mehr das kleine Mädchen, das Jerome noch in seinem Kopf hat. Mittlerweile fühlt sie sich als Junge und trägt eine Lederjacke mit der Aufschrift "Hurensöhne", eine bewusste Abgrenzung zu den Töchtern der Finsternis, die auf den Straßen das Kommando haben. Ironischerweise ist die Roboterfrau durch ihre fehlende Emotion die Erste, die Geain so nimmt, wie sie sich fühlt. Kontroll- und Überwachungswahn, Technikeuphorie, Gender-Debatte und menschliche Beziehungen mit all ihren Hoffnungen und Untiefen: Damit bietet das Stück viel aktuellen Stoff. Dennoch wird die Inszenierung kaum im Gedächtnis bleiben. „Ab jetzt" zieht folgenlos vorüber, provoziert und berührt nicht. Dass Menschen oft nicht mehr Gefühl haben oder zeigen als Maschinen, ist schließlich nichts Neues. Entsprechend verhaltener war auch der Applaus.

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