Vielerorts hat die Gewalt gegenüber Polizei und Rettungskräften zugenommen. - © dpa Themendienst
Vielerorts hat die Gewalt gegenüber Polizei und Rettungskräften zugenommen. | © dpa Themendienst

OWL Gewalt gegen Einsatzkräfte: Wenn die Uniform Menschen zum Hassobjekt macht

Rettungskräfte und Polizisten aus Ostwestfalen-Lippe erleben einen Anstieg von Angriffen und Beleidigungen während sie im Dienst sind

Bielefeld. Sie werden beleidigt, bespuckt, teilweise sogar körperlich angegriffen: Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungskräfte haben es in Einsätzen heute oft nicht leicht. Obwohl sie einfach ihre Arbeit machen wollen, sind sie manchen ein Dorn im Auge. Vielerorts hat die Gewalt gegenüber Rettungskräften und Polizei zugenommen. In den Einsatzkräften in Uniform würden viele stellvertretend den Staat sehen und dann ihren Unmut an ihnen auslassen, erklärt sich Matthias Goerke, Leiter der Feuerwache Rheda-Wiedenbrück, das Phänomen der zunehmenden Aggressionen gegenüber Einsatzkräften. Die Angriffe auf Kollegen hätten in Rheda-Wiedenbrück in der Vergangenheit spürbar zugenommen, sagt er. Auch der Polizei in NRW geht es nicht anders. Nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei NRW (GdP) ist die Zahl der Angriffe auf Beamte in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Während 2015 in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 19,6 Angriffe pro Tag auf Polizisten gezählt wurden, waren es 2017 bereits 25 Angriffe pro Tag. Die Zahlen gehen aus einer Sondererhebung des Landesamtes für Zentrale Polizeiliche Dienste hervor. Erfasst sind darin alle Formen der passiven und körperlichen Gewalt - Beleidigungen sind nicht eingeschlossen. Jan D. konnte nach einem Angriff lange Zeit nicht im Streifendienst arbeiten Der größte Teil der Beamten in NRW wurde bei diesen Angriffen gar nicht oder nur leicht verletzt. Jan D., Polizeibeamter aus Paderborn, hatte weniger Glück. Er wurde bei einem Angriff im Dienst so schwer verletzt, dass er zunächst für längere Zeit nicht im Streifendienst arbeiten konnte. Während eines Einsatzes wurde er mit einem Messer attackiert und schwer am Arm verletzt. Mehrmals wurde der Ende 30-Jährige Familienvater bereits operiert - die Verletzung wird trotzdem Spätfolgen mit sich bringen. Den Angriff wertet Jan D. nicht als Attacke auf ihn persönlich. "Das war Hass gegenüber der Polizei", ist er überzeugt. Woher dieses Feindbild rührt, das viele Menschen haben, weiß er nicht. Doch zu spüren bekommt er es als Polizist immer wieder. Zum Beispiel dann, wenn sich Menschen ohne ersichtlichen Grund einem Polizeiwagen in den Weg stellen und die Polizisten nicht ihre Arbeit machen lassen wollen. Oder dann, wenn sich Fremde miteinander solidarisieren, nur um sich gemeinsam gegen die Polizei stellen zu können. Er erlebe es häufig, dass Menschen in Schutz genommen werden, die von der Polizei verhört oder festgenommen werden. "Die kennen nicht einmal die Tat und wissen gar nicht, was dahintersteckt", sagt er, würden sich aber trotzdem auf die Seite des Beschuldigten stellen. Alltag seien auch abwertende Rufe und Schmähgesänge. "Man ist da draußen Freiwild", bilanziert er. Sein Eindruck ist, dass sich die Abneigung inzwischen durch alle Bevölkerungsschichten zieht. "Früher hat einen eine Uniform geschützt, heute macht sie den Polizisten zum Hassobjekt" "Es hat einen Wandel in der Gesellschaft gegeben", ist auch Michael Mertens, Landesbezirksvorstand der GdP in NRW, überzeugt. "Früher hat einen eine Uniform geschützt, heute macht sie den Polizisten zum Hassobjekt." Auch die Rettungskräfte der Feuerwehr haben mit Anfeindungen zu tun. "Es kommt vor, dass Menschen während eines Einsatzes die Tür des Rettungswagens aufreißen, und uns auffordern, das Fahrzeug wegzusetzen", erzählt Goerke. Viele hätten keinerlei Verständnis dafür, dass in einem Notfall beispielsweise die Fahrbahn gesperrt werden müsse. Einen drastischen Fall von Gewalt hat die Feuerwehr in Rheda-Wiedenbrück vor zwei Jahren erlebt. Auf dem Weg zum Einsatz wurde ein Rettungswagen von einer Gruppe junger Männer angegriffen. Einer von ihnen habe sich eine Jacke um die Faust gewickelt und so lange auf die Fensterscheibe des Wagens eingeschlagen, bis diese zu Bruch ging, erzählt ein betroffener Feuerwehrmann, der namentlich nicht genannt werden möchte. Dabei habe der 56-jährige Hauptbrandmeister die Männer nur aufgefordert, die Straße für den Rettungswagen freizumachen. Besonders dann, wenn Alkohol im Spiel sei, würde das für manche schon reichen, um Angriffe zu provozieren, sagt er. Auch Rettungsassistent Tim Görtz hat einen demütigenden Angriff hinter sich: Er wurde von einer alkoholisierten Radfahrerin angespuckt, der er nach einem Sturz helfen wollte. Laut Studie: Täter sind fast immer jung und männlich Einsatzkräfte der Feuerwehren und Rettungsdienste in Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern sind doppelt so häufig von Angriffen betroffen als Einsatzkräfte in kleineren Städten. Das hat eine Studie des Lehrstuhls für Kriminologie der Ruhr-Universität Bochum ergeben. Die Täter solcher Angriffe sind demnach fast immer männlich und zwischen 20 und 40 Jahren alt. "Solche Angriffe müssen Konsequenzen haben", findet Goerke. Mit Unterstützung der Stadt hat sich die Wache zum Ziel gesetzt, jeden Vorfall konsequent zur Anzeige zu bringen. "Wichtig ist, dass die Menschen verstehen, dass wir die Guten sind", betont Goerke. Auch Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe beklagt, dass die Gewalt gegen Menschen, die anderen Menschen helfen, spürbar zunehme. Er fordert deshalb, auch Ärzte und anderes medizinisches Personal in die Regelung des Paragrafen 115 des Strafgesetzbuches aufzunehmen, der Angriffe auf Einsatzkräfte mit Strafe belegt. Seit 2017 können tätliche Angriffe auf Polizisten und Rettungskräfte mit Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren geahndet werden. Auch, wer eine Person behindert, die in einem Unglücksfall Hilfe leistet, muss im schlimmsten Fall mit einer Freiheitsstrafe rechnen.

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