Legt den Finger in die Wunden der Kirche: Eugen Drewermann. - © Marc Köppelmann
Legt den Finger in die Wunden der Kirche: Eugen Drewermann. | © Marc Köppelmann

Paderborn Eugen Drewermann fordert Zuwendung statt Strafe für Priester

Auch die katholischen Geistlichen seien „Opfer einer Tragödie“.

Birger Berbüsse
19.01.2019 | Stand 19.01.2019, 17:22 Uhr

Paderborn. Priester, die eines Missbrauchs schuldig werden, brauchen nicht Strafe sondern Zuwendung – dafür plädiert der Paderborner Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann. Im Gespräch mit dieser Zeitung nennt er die Priester „Opfer einer Tragödie". Sie seien Gefangene der Triebdynamik ihres Unbewussten. Verantwortlich dafür sind laut Drewermann die Strukturen in der katholische Kirche. Derzeit prüft die Paderborner Staatsanwaltschaft im Zuge der Missbrauchsstudie die Personalakten von zehn Geistlichen auf strafrechtliche Relevanz. Drewermann fordert ein Umdenken: „Sie brauchen dringend Hilfe, keine Strafanzeigen." Solche Menschen hätte ihre unbewussten Antriebe nicht im Griff, sie wollten nicht tun, was sich da abzeichne. Bei den Opfern sehe jeder die Hilfsbedürftigkeit sofort ein. Doch dass man es bei den Tätern auch einsähe, setze eine Änderung der Strafrechtsinterpretation voraus. Der Psychoanalytiker ist überzeugt: „Wir haben keine böswilligen Täter. Sie sind Opfer einer Biografie, die unglücklich und tragisch ist." Diese könne nur geändert werden, wenn den Betroffenen für lange Zeit Begleitung zur Verfügung gestellt werde. Drewermann erhebt schwere Vorwürfe gegen die katholische Kirche Eine Schuld für diese Entwicklung sieht er im Zölibat. Die Kirche tue ja gerne so, als wäre der Zölibat nur eine Zusatzbedingung, die mit dem Amt verbunden sei. So ist es laut Drewermann aber nicht. Stattdessen habe man eine zielführende Pädagogik zur Voraussetzung, die es einem 18-bis 20-Jährigen überhaupt als sinnvoll erscheinen lasse, auf den Kontakt zu einer Frau sein Leben lang zu verzichten. „Ich denke, es ist nicht allzu schwer, sich vorzustellen, dass Menschen, die das zu ihrem Ideal und ihrer Berufsvoraussetzung wählen, sonderbar groß geworden sein müssen." Die Kirche würde diese Sonderbarkeit in der Priesterausbildung sogar noch stabilisieren statt sie in Frage zu stellen. Dabei könnte daraus auch sexuelle Kriminalität entstehen. „Das hat die katholische Kirche zu verantworten, weil sie blind ist für die Voraussetzungen, die sie bei der Heranführung von jungen Männern zu Priestern zur Auflage macht", sagt Drewermann. Viele Priester und Ordensleute gingen zur Psychotherapie, weil sie mit den Versuchungen nicht zurecht kämen. Doch wer eine normale Sexualität entwickle und sich zu seinen Gefühlen für eine Frau oder einen Mann bekennt, werde von der Kirche aus dem Beruf gejagt. „Schlimmer kann die Verweigerung, Menschen zu helfen, nicht ausfallen." Die Kirche müsse die Einsichten der Psychotherapie in ihre Art, von Gott zu sprechen, einarbeiten, rät Drewermann. Sie müsse realisieren, dass das, was Jesus getan habe, die Heilung schwerer seelischer Krankheiten war. Aber sie sollte nicht die Strukturen schaffen, in denen seelische Krankheiten geradezu notwendig das Ergebnis sein müssen. „Der Zwangszölibat müsste dringend abgeschafft werden", so Drewermann. Drewermann hat viele Probleme schon früh prophezeit Bei seiner Forderung nach Zuwendung statt Strafe beruft sich der Theologe auf die Worte Jesu in der Bergpredigt: „Wir haben überhaupt kein Recht dazu, über andere Menschen zu richten." Der Vorschlag entstammt dem Kapitel zur Missbrauchsthematik, das Drewermann für die im Februar erscheinende Neuauflage seines wohl bekanntesten Buches „Kleriker – Psychogramm eines Ideals" geschrieben hat. Es sorgte 1989 für Furore inner- und außerhalb der katholischen Kirche und war mitverantwortlich für den späteren Entzug seiner kirchlichen Lehr- und Predigterlaubnis und der Suspendierung vom Priesteramt. Weil Drewermann in dem Buch viele Probleme der Kirche vorhersagte, nannte ihn der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer kürzlich einen Propheten.

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