Start in die Bildungskarriere: In den Kitas wird Spielen und Lernen verbunden. - © Pixabay
Start in die Bildungskarriere: In den Kitas wird Spielen und Lernen verbunden. | © Pixabay

Kreis Paderborn Beiträge werden erlassen: Eltern und Kitas rechnen nach

Mit der Ankündigung der Landesregierung, die Familien zu entlasten, sind die Probleme der Einrichtungen noch nicht gelöst

Kreis Paderborn. Kita-Eltern können in Zukunft im Kreis Paderborn 5.208 Euro pro Jahr sparen - wenn ihr Brutto-Familieneinkommen über 125.000 Euro liegt. Die Landesregierung hat am Dienstag die Einführung eines zweiten kostenlosen Kita-Jahres vor der Einschulung verkündet - und damit für Erleichterung bei vielen Eltern gesorgt, die entsprechend des Einkommens für Nachwuchsbetreuung zur Kasse gebeten werden. Wer viel verdient, kann also viel sparen. Die Beitrags-Entlastung für Eltern, aber auch zusätzliche Millionen für die Kita-Ausstattung hat Familienminister Joachim Stamp (FDP) versprochen. Doch die Politik erntet im Kreis nicht nur Jubel für die Vorhaben unter dem gewichtig klingenden Titel "Pakt für Kinder und Familien in Nordrhein-Westfalen." Als oberste Vertreterin der Kita-Eltern in der Region freut sich naturgemäß Bianca Gödecke. Die Bad Lippspringerin ist Vorsitzende des frisch gewählten Jugendamtselternbeirats, der Eltern im Kreis gegenüber dem Kreisjugendamt und Trägern vertritt. "Wenn das zweite beitragsfreie Jahr kommt, wäre das für Familien super", sagt sie. In ihrem Umfeld habe es viele positive Reaktionen gegeben. Um die Meinungen möglichst vieler Eltern zu Kita-Themen zu erfahren, plant der Beirat für den Jahresverlauf eine Umfrage. Den geplanten Beitragswegfall hält Kita-Leiterin Ursula Wesseler aus Paderborn hingegen für "eine verpasste Chance, um die Qualität der Betreuung zu verbessern". Die vom Land in Zukunft dafür gezahlten 210 Millionen Euro müssten stattdessen der Personalausstattung in Kitas zugute kommen, fordert die Chefin der Tagesstätte Potz-Blitz, die von einer Elterninitiative getragen wird. "Mir sagen Eltern, dass sie lieber bessere Qualität wollen und dafür auch weiter zahlen würden. Sie wollen mehr ausgebildete Erzieher." Wesseler beklagt: "Durch die erlassenen Beiträge profitieren ja die Gutverdiener am meisten." Regelmäßige Unterdeckung der Budgets Im Kreis Paderborn müssen Familien ab einem Jahresbrutto-Einkommen von 25.000 Euro Kita-Gebühren zahlen, der Höchstsatz von jährlich 5.208 Euro fällt ab einem Verdienst von 125.000 Euro an (siehe Tabelle). Die Beiträge der Eltern decken aber nicht die Kosten einer Kita, vielmehr müssen die Einrichtungen mit den so genannten Kindpauschalen haushalten, also festgesetzten Zuwendungen pro Kind. Diese führten in den Vorjahren regelmäßig zu Unterdeckungen des Budgets, wie aus Kitas zu hören ist. Einmalig will die Landesregierung die Kindpauschale ab 2020 um zehn Prozent erhöhen. "Das ist ein richtiger Schritt, denn die Steigerungen um 1,5 Prozent, die es seit 2008 jährlich gab, haben den allgemeinen Kostenanstieg für Träger nicht auffangen können", berichtet Detlef Müller, Geschäftsführer der Katholischen Kita GmbH Hochstift, die 92 Einrichtungen betreibt. Von der Landesregierung heißt es, dass die Kindpauschale entsprechend des Anstiegs der Sach- und Personalkosten ab 2021 mitwachsen soll. Das würde auch Müller freuen. Sollte das Vorhaben den Weg durchs Parlament finden und zum Gesetz werden, will er in seine Kitas "mehr Personal bringen". Damit könnten dann Ausfälle von Erzieherinnen kompensiert und Leiterinnen für ihre Sonderaufgaben freigestellt werden. Auf Sicht könnte auch Randstundenbetreuung ausgeweitet werden. Einziges Problem für Müller und alle anderen Kita-Träger: Qualifizierte Erzieherinnen sind derzeit nur schwierig zu bekommen. Der Markt ist leer gefegt. "Die Nachfrage nach Betreuung in Kitas steigt allerorten", sagt Barbara Nolte von der Gewerkschaft "Verband Bildung und Erziehung". Nolte, im Hauptberuf Leiterin des kommunalen Familienzentrums Schatenstraße in Hövelhof, beklagt, dass durch Ankündigungen aus der Politik eine Erwartungshaltung geschaffen werde, der die Kita-Strukturen derzeit nicht gerecht werden könnten. Die Vorhaben der Landesregierung seien zwar ein richtiger Schritt, doch Nolte warnt auch davor, dass die eingeplanten Zuschüsse vom Bund für das neue NRW-Förderpaket nur bis 2022 zugesichert sind: "Ich hoffe, dass das Land sich daran hält, dann zu übernehmen."  Aus Gewerkschaftssicht sollte NRW - wie Niedersachsen seit Mitte 2018 - komplett auf Kita-Gebühren verzichten. Nolte: "Wir fordern das schon seit Jahren, um unabhängig vom Geldbeutel auch unter den Kleinsten Chancengleichheit für alle herzustellen."

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