Lebensweise und Ausbildung der katholischen Priester rücken wieder verstärkt in den Blick. - © Pixabay
Lebensweise und Ausbildung der katholischen Priester rücken wieder verstärkt in den Blick. | © Pixabay

Paderborn Sexuelle Reife soll größere Rolle in der Priesterausbildung spielen

Paderborner Pastoralpsychologe Christoph Jacobs nimmt besonders die sexuelle Identität und Reife der Seelsorger in den Blick

Paderborn. Mindestens 200 Opfer sexuellen Missbrauchs zwischen 1946 und 2014 hat es laut der Missbrauchsstudie allein im Erzbistum gegeben. Schon am Tag der Veröffentlichung wurden daher auch in der Paderborner Kirche erste Rufe nach strukturellen Veränderungen und einem veränderten Verständnis von Sexualität laut. Nun fordert auch der Paderborner Pastoralpsychologe Christoph Jacobs tiefgreifende Konsequenzen für die Priesterausbildung. Eine Abkehr vom Zölibat gehört aber nicht dazu. Der Professor der Theologischen Fakultät Paderborn sprach auf einer gemeinsamen Jahrestagung der österreichischen Bischöfe und Regenten der Priesterseminare zur Missbrauchsstudie. Dort analysierte er deren Ergebnisse mit Blick auf die Herausforderungen für die priesterliche Lebenskultur, die Priesterausbildung sowie für das gesamte pastorale Personal. Jacobs ist seit 2008 Lehrstuhlinhaber für Pastoralpsychologie und Pastoralsoziologie an der Theologischen Fakultät. Laut Fakultät ist es ein der wenigen Lehrstühle dieser Art in Deutschland. Er sprach sich laut einer Mitteilung der Fakultät dafür aus, das zwar komplexe, aber zentrale Thema der sexuellen Reife einer Person stets „im Kontext der gesamtmenschlichen und spirituellen Reife durchgängig theologisch und humanwissenschaftlich" anzusehen. Gerade in der theologischen Lehre und der Seminarausbildung sei dafür „ein angemessener Raum" vorzusehen, forderten Jacobs und sein Mitreferent Hartmut Niehues, Vorsitzender der Deutschen Regentenkonferenz und Leiter des Priesterseminars im Bistum Münster. "Wertschätzung des Zölibats" Eine Abkehr vom Zölibat, die immer wieder diskutiert wird, haben die beiden Priester aber offenbar nicht im Sinn. Stattdessen brauche es "angesichts der Wertschätzung des Zölibats im priesterlichen Leben" die Bereitstellung von deutlich mehr Ressourcen an Zeit, Ausbildungselementen und Personen, um die Ziele zu erreichen. Ein besonderer Schwerpunkt sollte laut Jacobs und Niehues darauf gelegt werden, die „Kompetenz zu einem menschenfreundlichen Umgang mit Macht und Autorität" im priesterlichen und seelsorglichen Dienst zu vermitteln. Allerdings seien „die Themen des Selbstmanagements, der sexuellen Identität, der sexuellen Reife und der Rollenkompetenzen für Nähe und Distanz" nicht nur Themen für die zölibatär lebenden Priester, sondern für alle, die in der Kirche seelsorglich arbeiten und tätig seien. Belastung in der Seelsorge Es sei deshalb höchst sinnvoll, gemeinsame Ausbildungselemente und Lernwege zu konzipieren. Denn in der Seelsorge gebe es Phasen und Belastungssituationen, in denen die Stabilität der Lebensentscheidung, der eigenen Reife und der eigenen moralischen Integrität besonders gefordert seien. Das hätten die Ergebnisse der Missbrauchsstudie deutlich gemacht. Die kirchlichen Institutionen stünden laut Jacobs und Niehues darum vor der Aufgabe, „geistliche, supervisorische, humanwissenschaftliche und theologische Fortbildungselemente und Präventionskonzepte" zu organisieren. Dazu müsse es detaillierte und überprüfbare gemeinsame Standards für Ausbildungs- und Fortbildungsmodule ebenso geben wie den verstärkten Einsatz von externen Experten. In Paderborn hatte Generalvikar Alfons Hardt bereits bei der Vorstellung der Missbrauchszahlen den Einsatz gegen Missbrauch eine bleibende Aufgabe genannt, zugleich aber auch betont, dass die Studie keine vorschnellen Schlüsse erlaube. In seinem jüngsten Brief an rund eine Million katholische Haushalte versprach nun auch Erzbischof Hans-Josef Becker, dass die von der Studie empfohlenen Handlungsschritte umgesetzt und fortgeführt würden. "Diese Konsequenzen werden zeitnah und unmittelbar erfolgen." Mehr als 31.000 Personen geschult Mitte Dezember hat das Erzbistum mit der Benennung von zwei externen Missbrauchsbeauftragten bereits einen dieser Schritte umgesetzt. Seit 2011 ist außerdem eine Präventionsordnung in Kraft. Laut Generalvikariat haben bislang 31.151 Personen in Gemeinden, Diensten und Einrichtungen des Erzbistums an Präventionsschulungen teilgenommen, Priesteramtskandidaten würden ebenfalls schon zu Beginn ihrer Ausbildung geschult. In einer Reaktion auf die Missbrauchsfälle hatte im September der Paderborner Dechant Benedikt Fischer gesagt, Sexualität sei bislang in der Kirche zu verklemmt thematisiert worden. Die Sexualmoral müsse neu bewertet werden. Es müsse aber auch erforscht werden, ob der Zölibat tatsächlich Missbrauchsfälle begünstige. Mitte Dezember hatte dann die Katholische Frauengemeinschaft auch in Paderborn bei einer Protestaktion umfassende Reformen vor allem der Machtstrukturen in der Kirche gefordert.

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