0
Wandel: Der Beruf der Hebamme hat sich stark verändert. - © picture alliance/Caroline Seidel
Wandel: Der Beruf der Hebamme hat sich stark verändert. | © picture alliance/Caroline Seidel

Paderborn "Wir werden zum Handlanger": Eine Hebamme macht Schluss

Anke Kenter hat 20 Jahre lang in ihrem Beruf gearbeitet. Doch jetzt sucht sie sich eine neue Aufgabe - und das hat Gründe

27.12.2018 | Stand 27.12.2018, 15:06 Uhr

Paderborn. „Ich habe nie aufgehört, über die Geburt zu staunen und das Wunder zu sehen", sagt Anke Kenter über den wunderbaren Moment einer Geburt. 20 Jahre hat die 43-Jährige Frauen als Hebamme begleitet. „Es ist ein großartiges Geschenk, dabei sein zu dürfen, wenn sich ein Mensch bei der Geburt entfaltet." Doch jetzt hört sie auf. „Es ist egal, ob eine Geburt zu Hause oder im Kreißsaal, mit Hightech, farblich abgestimmt stattfindet oder nur in einem Stall, wo ein Dach schützt und Ochs und Esel für Wärme sorgen", sagt Anke Kenter mit Blick auf die Weihnachtsgeschichte: "Hauptsache ist, dass der Raum Schutz, Sicherheit und Geborgenheit bietet". Es brauche eine vertraute Geburtsbegleitung. Die Faszination des Wunders der Menschwerdung hat für Anke Kenter ganz oft spirituelle Momente: „Es ist etwas ganz Heiliges, deshalb ist es wichtig, damit achtsam und demütig umzugehen." Ein Ereignis zwischen Himmel und Erde Ihr Glaube hat ihr weitergeholfen. Der Glaube daran, dass Gott sich ein sehr gutes System der Geburt ausgedacht hat, und das Vertrauen darauf, dass es deshalb gut wird, hat ihren Arbeitsalltag geprägt. „Es ist etwas, was zwischen Himmel und Erde passiert. Das fängt schon im Bauch an und zeigt sich nicht erst bei der Geburt. Sich auf das Wunder des neuen Leben einlassen, ist ein Geschenk für alle, die dabei sind", sagt Anke Kenter. Hebamme – diesen Traumberuf hatte Kenter schon zu Schulzeiten vor Augen. "Ich war in der Oberstufe und meine Schwester hat mir erlaubt, bei der Geburt meiner Nichte im Kreißsaal dabei zu sein. Danach war für mich alles klar." Ein Jahr musste sie auf einen Ausbildungsplatz warten, weil damals der „Run" groß war: 700 Bewerber auf 18 freie Plätze. Als 20-Jährige begann sie die dreijährige Ausbildung. Die enge Verbindung zur katholischen Kirche hat stets bestanden. Ob zu Beginn in der Schule oder als Mitglied eines Pfarrgemeinderates brachte sie auch immer wieder Themen ein, die in Gottesdiensten eine Rolle spielten. Der Glaube tröstet in schwierigen Situationen Der Glaube hat ihr in schwierigen Situationen im Beruf geholfen. Beispielsweise bei Früh- oder Fehlgeburten. „Gerade die Frauen brauchen in dieser Zeit eine gute Betreuung, sie haben eigentlich sogar einen Anspruch drauf", sagt sie. Bei der Verarbeitung sei für betroffene Paare wichtig und tröstlich, wenn sie über ihr Vertrauen zum Glauben und zu Gott Hilfestellung geben könne. Doch nach 20 Jahren zieht Anke Kenter einen Schlussstrich mit kritischen Anmerkungen: „Hebamme heute macht weniger Freude, denn in der Gesellschaft wird es den Frauen oft genommen, guter Hoffnung sein zu dürfen." Nicht nur das Handwerk „Hebamme" habe sich verändert, was mit der Technisierung viel zu tun habe. Das Menschliche sei an der „schrecklich schönen Zeit" der Schwangerschaft verloren gegangen. Aber das fehlende Guter-Hoffnung-sein beschäftigt sie noch mehr. Schwangerschaft und Geburt seien mit Angst besetzt, das Vertrauen der Frauen in das eigene Können und die eigenen Stärken ließen nach. „Sie lassen es sich nehmen und es wird ihnen genommen." Immer wieder stellt Anke Kenter das „Vertrauen" in den Vordergrund. An die Stelle der „guten Hoffnung" rücke die Forensik, die einen rechtssicheren Raum bieten wolle. Der Mut, im Alltag Extremes auszuhalten, verschiebe sich in den Sport, wo dann Grenzen ausgetestet würden. „Dabei sollten die Frauen ihrem Können bei der Geburt mehr vertrauen." So wird die Hebamme zum Handlanger Einen Funken Hoffnung hat Kenter, dass sich mit der Aufwertung des Berufs Hebamme zum akademischen Lehrberuf auch der Status verbessert. Die Tradition jahrhundertealten Wissens solle nicht in Vergessenheit geraten. Ihre Erfahrung sei zuletzt gewesen, dass die Hebamme bei einer Geburt in die Rolle des Handlangers gerückt werde: „Wenn etwas nicht stimmt, ist der Arzt zuständig. Wenn alles gesund ist, die Fachfrau Hebamme…" Anke Kenter arbeitet nun als Mitarbeiterin für die Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen des Erzbistums Paderborn in Soest und Arnsberg. „Von einer Hebamme erwartet man eine Lösung, von einer Beraterin die richtige Frage, so dass der Ratsuchende die Lösung selbst findet", beschreibt die 43-Jährige den Unterschied. Von 2009 bis 2013 hat sie parallel die Beraterausbildung gemacht, die Fachkompetenz als Hebamme kann sie weiter mit einbringen.

realisiert durch evolver group