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Alles da: Nach der Währungsreform waren die Regale in den Geschäften, wie hier in Wewer, wieder gut gefüllt. - © Stadtarchiv Paderborn
Alles da: Nach der Währungsreform waren die Regale in den Geschäften, wie hier in Wewer, wieder gut gefüllt. | © Stadtarchiv Paderborn

Paderborn 70 Jahre Währungsreform: Als es Brause noch für fünf Pfennige gab

Mariethres Lüke aus Paderborn erinnert sich an die Tage, an denen die Deutsche Mark erstmals in ihrem Portemonnaie war

Jutta Steinmetz
15.12.2018 | Stand 15.12.2018, 15:45 Uhr

Paderborn. An die Tage, an denen die D-Mark erstmals in die Geldbörsen der Deutschen gesteckt wurde, kann sich die Paderbornerin Mariethres Lüke nur allzu gut erinnern. Zwar war sie damals erst zwölf Jahre alt, doch dieser Juni 1948 hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Denn urplötzlich waren alle Regale in den Geschäften wieder voll und es gab Dinge, von denen nicht nur Kinder jahrelang lediglich hatten träumen können. Eigentlich sei es schon vor dem Tag der Währungsreform, also vor dem 20. Juni losgegangen, sagt Mariethres Lüke. Denn dass etwas im Schwange war mit dem Geld, das damals noch Reichsmark hieß und auch in großen Summen nur wenig Greif-, Nutz- und Essbares brachte, das war in dieser Zeit bekannt. Auch die Mutter der Paderbornerin ahnte, dass sich etwas tun würde. „Sie hat immer bei ihrer Freundin eingekauft, die an der Ecke Domplatz/Schildern ein Lebensmittelgeschäft hatte. Irgendwann hat diese gesagt: ,Es gibt eine Währungsreform. Wir haben die Keller voll.’ Sie empfahl meiner Mutter, eine Liste mit Dingen zu schreiben, die sie brauchte – zum Reservieren." Für Maria Lüke, deren Mann noch in Gefangenschaft war, eine wunderbare Aussicht. Schließlich musste sie für ihre beiden Töchter Mariethres und Amelie sorgen und gleichzeitig dem Schwiegervater bei der Leitung des Baugeschäfts zur Seite stehen. Wie von der Paderborner Kaufmannsfrau prognostiziert und von vielen Menschen erhofft, kam es dann auch. Am 20. Juni, einem Sonntag, verloren Reichs- und Rentenmark ihre Gültigkeit, die Deutsche Mark war fortan alleiniges Zahlungsmittel. "Wir gingen hin und es gab wertvolles Geld" Einen Tag später erhielten alle deutschen Bürger der drei westlichen Besatzungszonen Geld – 40 D-Mark, in einer Stückelung, die vom Zwanziger bis hin zu Scheinen für 50 Pfennig ging. „Meine Mutter, meine Schwester und ich sind zur Sparkasse gegangen. Die war damals im hinteren Teil des Heisingschen Hauses am Marienplatz. Dort glitzerten die Stufen aus Terrazzo", erzählt Mariethres Lüke: „Das war wie im Paradies. Und wir gingen dahin und es gab wertvolles Geld." Das setzte tatsächlich jede Menge in Gang. In den Läden, in denen vorher nur zumeist leere Regale gewesen waren, die zwar oft mit buntem Papier ausgelegt waren, in die sich aber höchstens Äpfel, Birnen oder ähnliches verirrten, war jetzt (fast) alles zu bekommen. „Auf einmal war alles voll." Klar, dass sich die 82-Jährige an ihren ersten Einkauf mit dem neuen Geld erinnert. „Wir haben Brausepulver gekauft, das Tütchen für fünf Pfennig", sagt sie. „Selbstverständlich rote Brause mit Himbeergeschmack. Und Salmiakpastillen." Ein echter Genuss, der von nun an öfter möglich war. Jeden Sonntag eine Mark Taschengeld Denn jetzt gab es für die Lüke-Schwestern regelmäßig Taschengeld – jeden Sonntag eine Mark. „Davon mussten wir aber auch unsere Schulhefte und unsere Zopfspangen bezahlen", erklärt Mariethres Lüke und erzählt von einem gleichaltrigen Freund, der 1948 von seinem Taschengeld sogar den Besuch beim Frisör berappen musste. „Fünf Mark bekam er im Monat. Ein Haarschnitt kostete zwei Mark." Apropos Schulhefte. Die waren eine Besonderheit 1948, wie sich die Paderbornerin erinnert. Sie erzählt vom Schreibwarengeschäft, das dem Dom gegenüberlag. „Da musste man einen Backstein mitbringen, um ein kleines Heftchen für die Schule zu bekommen", berichtet Mariethres Lüke. Aber als nach dem 21. Juni die Schülerin mit den kleinen Scheinen für 50 Pfennig oder eine Mark im Portemonnaie anrückte, gab es Kladden. „Die waren ganz dick und ihre Seiten hatten Linien oder waren kariert. Das kannten wir gar nicht." So flossen die 40 Mark Kopfgeld, wie die Summe genannt wurde, nach und nach ins tägliche Leben. An Weihnachtsgeschenke habe niemand gedacht. „Da gab es Apfelsinen", sagt Mariethres Lüke. „Die waren auch auf einmal da." "Aus den Trümmern wollen wir unsere Zukunft bauen" Die Themen Geld und Wirtschaft beschäftigten nicht nur Maria Lüke und ihre Töchter in Paderborn, sondern auch ihren Ehemann Heinrich in der Ferne. Weit weg von Frau und Töchtern, weit weg vom familieneigenen Baubetrieb machte sich der 39-Jährige im Lager 7444 in Baku, große Sorgen, ob es den Lieben daheim auch gut geht. „Hungert ihr?", fragte er auf den kleinen Karten, die ihren Weg von Aserbaidschan nach Paderborn fanden, und war im Frühjahr 1948 voller Hoffnung. „Aus den Trümmern wollen wir unsere Zukunft aufbauen", schrieb er und ermahnte seine Frau, die im Baugeschäft die Bücher führte, kein Grundstück zu verkaufen. „Ich bin gespannt auf die Lebensverhältnisse in der Westzone. Die Zeitungen (in der Sowjetunion, Anm. d. Red.)sind voll über die schlechte Ernährungslage, besonders in Nordrhein-Westfalen. Werdet ihr satt? Sind die Kinder nicht unterernährt", schrieb Heinrich Lüke. Im August 1949 kam er nach Hause. Und sofort war die Währungsreform für ihn ein Thema. Er musste feststellen, dass sein Bruder es versäumt hatte, den Kriegsschutt aus den oberen Stockwerken des Baugeschäfts zu beseitigen. „Vater sagte damals, das Wegräumen des Schutts hätte man mit Reichsmark und nicht mit der neuen Deutschen Mark machen müssen", erinnert sich Mariethres Lüke. „Das hat ihn unheimlich geärgert."

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