Vorstellung der Paderborner Zahlen: (v.l.) Präventionsbeauftragter Karl-Heinz Stahl, Michael Werneke, Generalvikar Alfons Hardt, stellvertretender Pressesprecher Thomas Throenle sowie die beiden Missbrauchsbeauftragten Petra Lillmeier und Franz Kalde. - © Birger Berbüsse
Vorstellung der Paderborner Zahlen: (v.l.) Präventionsbeauftragter Karl-Heinz Stahl, Michael Werneke, Generalvikar Alfons Hardt, stellvertretender Pressesprecher Thomas Throenle sowie die beiden Missbrauchsbeauftragten Petra Lillmeier und Franz Kalde. | © Birger Berbüsse

Paderborn Missbrauch: Forderungen nach Reformen auch im Erzbistum Paderborn

Der Paderborner Dechant findet deutliche Worte

Birger Berbüsse
26.09.2018 | Stand 25.09.2018, 20:23 Uhr

Paderborn. Fast 200 Missbrauchsopfer: Diese Zahl hat das Erzbistum Paderborn am Dienstag bekannt gemacht. Ein sichtlich bewegter Generalvikar Alfons Hardt sagte dazu: "Der Einsatz gegen Missbrauch ist eine bleibende Aufgabe." Man müsse alles dafür tun, dass so etwas nicht mehr vorkommt. "Wir müssen genau hinschauen: Was kann verändert werden?" Vorschnelle Schlüsse erlaube die Studie jedoch nicht. Wissenschaftler, Kirchenkritiker, Laien und Opferverbände hingegen forderten am Dienstag mit Blick auf die Missbrauchsstudie strukturelle Veränderungen und ein verändertes Verständnis von Sexualität. Auch im Erzbistum mehren sich diese Stimmen. »Kirche muss über Sexualität sprechen« "Es ist wichtig, dass wir in der katholischen Kirche alle Themen der Sexualmoral neu bewerten müssen", sagte der Paderborner Dechant Benedikt Fischer im Gespräch mit der Neuen Westfälischen. Dort sei in der Vergangenheit zu wenig geschehen, ein Diskurs sei nötig. Überhaupt müsse die Kirche Sprachfähigkeit für das Thema Sexualität entwickeln. "Das ist zu verklemmt thematisiert worden", so Fischer. Es müsse aber auch erforscht werden, ob der Zölibat tatsächlich Missbrauchsfälle begünstige. Dafür brauche es allerdings verlässliche und tragfähige Aussagen von psychologischen Untersuchungen. "Das müssen wir dringend tun", fordert der Dechant. Ebenso müsse überprüft werden, ob der Priesterberuf tatsächlich wie behauptet anziehend für junge Männer mit pädophilen Neigungen sei. Die Kirche müsse sich vergewissern: "Tun wir alles, um das zu erkennen und dem entgegenzusteuern?" Gleichzeitig betont Fischer angesichts der vielen Betroffenen aber auch, dass man sich weiterhin um die Opfer kümmern muss. "Für sie müssen wir alles tun, was möglich ist." Die Vorsitzende des Diözesankomitees im Erzbistum, Annika Manegold, nannte die Zahlen der Missbrauchsstudie "äußerst beschämend". Jedes Opfer sei eines zu viel. Manegold sagte gegenüber der NW, es handele sich nicht um ein deutsches, sondern um ein systemisches Problem. Die kirchlichen Strukturen hätten den Missbrauch ein Stück weit mit ermöglicht. Deshalb sei es dringend geboten, das anzupacken. Dringenden Klärungsbedarf sieht auch Annika Manegold beim Thema Sexualmoral. "Die Kirche muss anfangen, darüber sprachfähig zu werden", sieht sie darin einen ebenso wesentlichen Punkt wie in der priesterlichen Ehelosigkeit. Seit 2011 ist eine Präventionsordnung in Kraft In Sachen Prävention sieht sie das Erzbistum Paderborn allerdings schon auf einem guten Weg. Dort seien in den vergangenen Jahren starke Schwerpunkte gesetzt worden. Seit 2011 ist eine Präventionsordnung in Kraft. Laut Generalvikariat haben bislang 31.151 Personen in Gemeinden, Diensten und Einrichtungen des Erzbistums an Präventionsschulungen teilgenommen. Auch Priesteramtskandidaten werden schon zu Beginn ihrer Ausbildung geschult. Martin von Erdmann von der Reformbewegung "Wir sind Kirche" sieht in den Ergebnissen der Studie eine erneute Bestätigung, dass das autoritäre System der Kirche in Verbindung mit der strengen Sexualmoral Machtmissbrauch begünstige. "Der Pflicht-Zölibat ist ein Problem und Risikofaktor, der genau überprüft werden muss", sagt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Bethel. Von Erdmann fordert weiterhin, die Bischofsmacht zu begrenzen und Priester besser zu kontrollieren. "Es ist Zeit für Veränderung."

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