Paderborn Paderborner Theater greift #Me-Too-Debatte auf

Aufführung mit Höhen und weniger glänzenden Passagen

Ann-Britta Dohle
17.09.2018 | Stand 17.09.2018, 12:18 Uhr

Paderborn. Was darf "man" heute noch nach der entflammten "Me too"- Bewegung? Gibt es überhaupt einen gesellschaftlichen Konsens darüber, was - im Sinne der "political correctness" - erlaubt und was verboten gehört? Intendantin Katharina Kreuzhage lässt sich dieses strittige Gesellschaftsthema nicht entgehen. Mit "Oleanna" greift sie auf ein Stück von David Mamet zurück, das schon 1992 für Furore sorgte. Am Samstag brachte das Theater Paderborn dieses spaltende Zweipersonenstück auf die große Bühne. Zwei Stühle, ein Schreibtisch, eine unkenntliche Tür - kein Ausweg. In giftig gelber Bühne (Ariane Scherpf) stehen sich zwei Menschen gegenüber, die ungleicher kaum sein könnten. Der glücklich verheiratete Professor John (David Lukowczyk) hat gerade erfolgreich ein Buch veröffentlicht und steht kurz vor seiner Professur auf Lebenszeit. Zudem verraten seine ambitionierten Telefongespräche, dass er sich mitten im Abschluss eines Hauskaufs befindet. Professor kaum zu bremsen Studentin Carol (Nancy Pönitz) dagegen ist von langsamen Intellekt, unbeholfen, verstockt. Sie hat ihr letztes Referat verhauen, ist wütend, weint, hofft auf... ja, was eigentlich? Sie ringt mit dem eloquenten Professor, dessen Sprachjargon gespickt ist mit Unverständlichkeiten und der - einmal in Hochform aufgelaufen - nicht zu bremsen ist. David Lukowczyk verleiht dem John diese joviale Großzügigkeit, die so überzogen ist, dass sie nur befremdlich anmuten kann. Da zerreißt er gut gelaunt ihren Bockmist, verspricht er ihr eine Eins, wenn sie nur fleißig Nachhilfestunden bei ihm nimmt, unterwirft sich geradezu demütig ihrem trotzigen Widerspruch, rutscht in eine ungute Privatheit. Lukowczyk spielt dieses Chamäleon leichtfüßig, streckenweise erfrischend cholerisch, beispielsweise wenn störende Telefonate dazwischen kommen. Konstruiert wirkt die Handlung dennoch, zumal es schwer fällt diesem selbstherrlichen Schnösel von Professor einen tatsächlichen Nutzen von der "Sache" zu unterstellen. Sein "väterlicher" Trost, wozu er ihr die Hand auf die Schulter legt, ist kaum sexuell auslegbar - doch stopp. Was von ihm später als freundschaftlicher, harmloser Belang abgetan wird, ist für sie ein Ausnutzen, ein Missbrauch der Machtverhältnisse, ein sexueller Übergriff. Umkehrung der Machtverhältnisse Akt 2 und 3 zeigen die Umkehrung der Machtverhältnisse. Die einst so schwache Carol, gestärkt durch eine ominöse Gruppe von Frauen, nimmt John nun auseinander, wirft ihm seine Arroganz vor, unterstellt ihm Freude, andere mit Wissen zu demütigen. Entgrenzt denunziert sie den Professor wegen sexuellen Missbrauchs vor der Berufskommission. Und das tut sie mit beachtlicher Bösartigkeit und sprachlicher Gewandtheit, die nicht zu dem hilflosen Wesen aus Akt 1 passen will. Die Zerstörung einer Existenz, einer menschlichen Würde beginnt: ein tiefer Fall. Die Stärke des Stückes ist die Möglichkeit eigener Positionierung, die unweigerlich beim Betrachten der Tatsachen und deren subjektive Auslegung einsetzt. Nancy Pönitz spielt die anklagende Rächerin vehement, hart, verrannt. Nur in kurzen Momenten, wenn sie schweigt, wirkt sie irgendwo noch menschlich. Die Stärke der Inszenierung ist zugleich auch seine Schwäche. Der Betrachter wird Teil einer nüchternen Gerichtsbarkeit. Eine kleine Bühne wäre dem Kammerspiel gerechter geworden, denn die Größe lässt kaum eine nötige Intimität aufkommen. Akt 1, 2, 3 wird auf eine Gaze geblendet. Das "Lehrstück" mutet faktisch an und wird spröde erzählt. Die Figuren überraschen letztendlich nicht mehr wirklich, wirken künstlich, plakativ; dennoch geben sie reichlich Anstoß. Und damit platziert Regisseurin Katharina Kreuzhage einmal mehr Theater als Forum gesellschaftlich brisanter Themen. Weitere Aufführungen: 21.,28. Sep, 5.,7.,12.,18.,25. Okt, 3., 24. Nov., 6., 8. Dezember und 6. Januar um jeweils 19.30 Uhr. Karten unter Tel. (0 52 51) 2 88 11 00.

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