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Paderborn In der Lehrer-Ausbildung spielt Linkshändigkeit keine Rolle

Bei einer Umschulung auf Rechtshändigkeit kommt es zu Fehlbelastungen im Gehirn, weiß die Paderborner Ergotherapeutin und Linkshänderberatin Tanja Nordhorn. Folgen können Störungen von Konzentration und Grobmotorik sein

Sabine Kauke
13.08.2018 | Stand 12.08.2018, 19:33 Uhr

Heute ist Weltlinkshändertag. Warum ist dieser Fokus auf die Linkshändigkeit wichtig? Tanja Nordhorn: Wir leben in einer rechtshänderorientierten Kultur, was es Linkshändern erschwert, sich ihrer Händigkeit entsprechend zu entwickeln. Wie sieht das im Alltag konkret aus? Nordhorn: Vor allem bei Alltagsaktivitäten und Alltagshandlungen werden Rechtshänder klar bevorzugt. Das geht bei der Begrüßung los, bei der wir eigentlich intuitiv als Kind unsere dominante Hand nehmen, was aber bei linkshändigen Kindern oft nicht akzeptiert wird. Sprüche wie: „Gib mir das schöne Händchen" oder „Man nimmt die andere Hand" kennen viele Linkshänder und werden auch heute noch oft benutzt. Weiter geht es mit Alltagsartikeln wie Messern, Computertastaturen, Schnellheftern oder Sparschälern, die auf Rechtshänder ausgelegt sind. Das bedeutet nicht, dass Linkshänder diese Dinge nicht benutzen können, aber es erfordert einen Mehraufwand, beziehungsweise ein nicht ergonomisches Hantieren, da beispielsweise die Drehrichtung nicht dem natürlichen Bewegungsmusters eines Linkshänders entspricht. Um das nachzuempfinden könnten Rechtshänder mal einen Linkshänder-Anspitzer ausprobieren. Warum ist das so? Nordhorn: Die Linkshändigkeit ist geschichtlich gesehen mit vielen negativen Assoziationen verbunden. Das wird auch heute noch in unserer Sprache deutlich: „Auf dem rechten Weg sein", „recht haben" steht Redewendungen wie „ich wurde gelinkt" oder „mit dem linken Fuß aufstehen" als klare Positionierung für die jeweilige Seite gegenüber. Das hat noch immer Auswirkungen auf den Umgang mit Linkshändigkeit. Früher wurden Kinder angehalten mit der rechten Hand zu schreiben. Und heute? Nordhorn: Aktive Umschulungen finden eher selten statt. Aber linkshändige Kinder haben oftmals rechtshändige Vorbilder. Ich erlebe es häufig, dass Eltern mich um Rat fragen, da sie nicht wissen, wie sie ihrem linkshändigen Kind beispielsweise das Schleifebinden oder das Schreiben in der Lineatur zeigen sollen. Sehr hartnäckig hält sich das Gerücht, dass Linkshänder eine unschöne Handschrift hätten. Es liegt in den meisten Fällen an der nicht ergonomischen Stift- und Schreibhaltung, dass es zu Verkrampfungen und Schreibproblemen kommt. Da kommt sowohl bei Eltern als auch bei Kindern manchmal die Idee auf, dass es einfacher sei, mit der rechten Hand zu schreiben. Dabei würde eine gute Unterstützung von Fachleuten viele Fragen klären und Ängste beheben. Wie viele linkshändige Menschen gibt es? Nordhorn: Die prozentualen Angaben sind sehr schwankend und reichen von 6 bis sogar 50 Prozent Linkshänderanteil in der Gesellschaft. Tendenziell ist die Prozentzahl in den Studien im Laufe der Zeit gestiegen, da die Akzeptanz von Linkshändigkeit gestiegen ist und das Ausleben der Händigkeit mehr zugelassen wird. Wird allerdings die Schreibhand als Grundlage genommen, werden die umgeschulten Linkshänder als „Pseudo"-Rechtshänder eingestuft und verfälschen die Statistik. Welche Folgen kann eine umgeschulte Händigkeit haben? Nordhorn: Durch den vermehrten Gebrauch der nicht dominanten Hand kommt es zu Fehlbelastungen im Gehirn, die als Primärfolgen Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Rechts-/Linksunsicherheiten, feinmotorische Störungen, Lese-Rechtschreibschwächen oder Sprachauffälligkeiten nach sich ziehen können. Daraus wiederum können sich Sekundärfolgen wie zum Beispiel Minderwertigkeitsgefühle, Unsicherheit und Verhaltensprobleme ergeben. Was muss sich ändern, damit sich die Situation für linkshändige Menschen verbessert? Nordhorn: Es gibt Alltagsartikel für Linkshänder. Die Linkshänderschere ist den meisten Menschen bekannt. Dass es aber auch Linkshänderanspitzer oder entsprechende Schreibunterlagen gibt, wissen nur wenige. Je früher ein linkshändiger Mensch die für ihn entsprechenden Alltagsgegenstände nutzen kann, desto weniger Kompensationen muss er sich erarbeiten und zu desto weniger Selbstumschulungen kommt es. Dazu ist es vor allem in Kitas und Grundschulen wichtig, dass die Pädagogen zum Thema Händigkeit gut fortgebildet sind. Leider ist Linkshändigkeit in den Lehrplänen an den Hochschulen noch nicht verankert.

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