Angela Merkel beim Kaffeklatsch mit Bewohnern des St. Johannisstift. - © Andreas Zobe
Angela Merkel beim Kaffeklatsch mit Bewohnern des St. Johannisstift. | © Andreas Zobe

Paderborn Merkel in Paderborn: "Pfleger müssen besser bezahlt werden"

Angela Merkel besucht Pfleger Ferdi Cebi im Paderborner St. Johannisstift. Ihr Aufenthalt versetzt alle in große Aufregung. Nur Cebi selbst bleibt völlig locker – zumindest nach außen

Lena Vanessa Niewald

Paderborn. Wenn Angela Merkel kommt, steht alles Kopf. Vor knapp einem Jahr hat der Pfleger Ferdi Cebi die Bundeskanzlerin während einer TV-Wahlkampfsendung nach Paderborn eingeladen. Und Merkel? Die sagte prompt zu. Jetzt hat sie ihr Versprechen eingelöst und ist tatsächlich in das Pflegeheim St. Johannisstift gekommen. Rund zwei Stunden begleitet sie Cebi bei seiner Arbeit – „als mein persönlicher Schatten", wie Cebi stolz verkündet. Er ist mit Abstand der Gelassenste an diesem Tag. Gut gelaunt läuft er schon vor Ankunft der Kanzlerin in seinem neuen T-Shirt über die Senioren-Anlage. „Pfleger mit Herz" steht in großen blauen Buchstaben auf seiner Brust. Genau so will er sich „Frau Merkel" präsentieren. Verstellen muss er sich dafür nicht. Während Cebi noch ein paar Späßchen mit seinen Bewohnern macht, wird es draußen wuselig. Pressevertreter, Fotografen, Mitarbeiter, Polizei – heute sind alle in Paderborn. Auch die Bewohner stehen gespannt an ihren Fenstern, auf dem Balkon oder im Garten. Auf der Straße vor dem Pflegeheim haben sich aber auch Protestler versammelt – darunter ehemalige Pflegekräfte, die gegen die Arbeitsbedingungen der Pfleger demonstrieren. Bewohnerin Anneliese Tölle (98) wollte erst auf ihrem kleinen Balkon bleiben. Mit ihrem Rollator hat sie sich dann aber doch einen Platz in der ersten Reihe gesichert. „Ach, hier bin ich dann doch noch näher dran." Gewappnet ist sie auch – in ihrem Schoß liegt ihre kleine schwarze Kamera. Vielleicht schaffe sie es ja, einen Schnappschuss zu machen. Sie ist stolz, dass „unsere Kanzlerin" nach Paderborn kommt. Sie werde ihren Freunden davon erzählen. Schließlich sei sie jetzt ja mitten drin. Und tatsächlich ist es dann Anneliese Tölle, die fast den ersten Blick auf Angela Merkel erhaschen kann. An der Seite von Ferdi Cebi und Martin Wolf, Vorsitzender des Pflegeheims, posierte Merkel kurz vor dem Heim – in grünem Sakko mit typischer Merkel-Raute – und verschwindet dann in den Räumen des Johannisstifts. So schnell konnte Anneliese Tölle den Auslöser ihrer kleinen Kamera gar nicht drücken. Sie will aber warten; bestimmt komme Merkel am Ende noch mal vorbei. "Ich sehe, dass hier alle Pfleger ihre Arbeit von Herzen machen" Doch das kann dauern. Die Kanzlerin nimmt sich viel Zeit – für Ferdi Cebi und vor allem für die Bewohner seiner Station. Sie hilft Cebi beim Verteilen von Essen und Trinken, spricht mit den Senioren, lässt sich von Cebi in die Arbeit einer Pflegekraft einweisen und trifft sich zum Kaffee-Klatsch mit weiteren Bewohnern. „Ich sehe, dass hier alle Pfleger ihre Arbeit von Herzen machen", zeigt sich Merkel beeindruckt von den Leistungen der Paderborner, „sie bieten den Bewohnern ein schönes Zuhause, wo sie ihren letzten Lebensabschnitt verbringen können." Cebi sei ein tolles Beispiel dafür, dass in der Pflege nicht alles schlecht sei. „Der Beruf muss aber wieder attraktiver werden", sagt die Kanzlerin. Doch das könne nur klappen, wenn Ausbildungsmöglichkeiten und Vergütung „deutlich verbessert" würden. Cebi als Sprachrohr aller Pfleger Sie gibt zu, dass in der Pflege dringender Handlungsbedarf bestehe; die ganze Regierung sei verpflichtet, an der Verbesserung der Pflege mitzuarbeiten. „Ich sehe keinen Grund, warum jemand, der Menschen pflegt, nicht genauso viel – wenn nicht sogar ein wenig mehr – verdienen solle als jemand, der in einer Bank arbeite oder Maschinen bediene." Mit dieser Aussage trifft die Kanzlerin bei Ferdi Cebi direkt ins Herz. Seit Jahren setzt er sich für bessere Bedingungen in der Pflege ein – in den Besuch von Merkel hat er im Vorfeld viel Hoffnung gesetzt. Und es hat sich gelohnt, sagt Cebi. „Auch, wenn es nicht so aussah, ich war am Anfang schon nervös", sagt er und lacht. "Ich glaube ihr, dass sich etwas ändern wird" Angela Merkel habe ihn aber schnell beruhigt. „Ich glaube ihr, dass sich etwas verändern wird. Sie hat ja jetzt auch ihr Versprechen eingelöst." Dass er mittlerweile als Sprachrohr aller Pflegekräfte gesehen wird, macht Cebi fast etwas verlegen. Doch er will weiter machen; auch nach Merkels Besuch. Sein Ziel: flächendeckende Tarifverträge und eine 5-Tage-Woche für alle. „Deutschland redet in letzter Zeit so viel über das Thema Pflege – und allein damit bin ich meinem Ziel schon ein großes Stück näher gekommen", sagt Ferdi Cebi. Während Angela Merkel mit ihm unterwegs war, hat Anneliese Tölle auf ihrem Rollator vor dem Pflegeheim gewartet. Fast zwei Stunden harrt sie aus, um noch einen zweiten Blick auf Merkel erhaschen zu können. Und ihre Ausdauer wird belohnt. Direkt neben ihr verlässt die Kanzlerin an diesem Nachmittag das Paderborner Pflegeheim. Zurück lässt sie eine glückliche Anneliese Tölle – und einen noch glücklicheren Ferdi Cebi. In dem Heim kennt ihn mittlerweile schon jeder. Spätestens heute kennt ihn ganz Deutschland.

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