Angelika W. und ihr anwalt Peter Wüller im Paderborner Landgericht. - © Jutta Steinmetz
Angelika W. und ihr anwalt Peter Wüller im Paderborner Landgericht. | © Jutta Steinmetz

Paderborn/Höxter Vierter Experte stützt Mordvorwurf im Bosseborn-Prozess

Bosseborn-Prozess: Weil zwei Rechtsmediziner gegensätzliche Meinungen vertraten, wurde am 52. Prozesstag Thomas Bajanowski gehört. Auch seiner Meinung nach hätte Susanne F. gerettet werden können

Jutta Steinmetz

Paderborn/Höxter. Dass Experten der selben Profession zu völlig unterschiedlichen Einschätzungen ein und desselben Sachverhaltes kommen, ist eine Binsenweisheit, die sich auch im Bosseborn-Prozess verwirklicht. Dort ging es jetzt - nachdem schon mit der Erstattung der psychiatrischen Gutachten die Schlussphase eingeläutet worden war - nochmals um den zentralen Anklagepunkt. Also darum, ob Oberstaatsanwalt Ralf Meyer Angelika und Wilfried W. zurecht Mord durch Unterlassen vorwirft. Meyer ist davon überzeugt, dass sowohl Annika W. als auch Susanne F. hätten gerettet werden können, wenn ihnen Angelika und Wilfried W. medizinische Hilfe hätten zukommen lassen. Vor fast genau einem Jahr hatte ein Rechtsmediziner aus Göttingen hier Zweifel angemeldet und damit einen Gutachtereigen eröffnet. Am 52. Prozesstag setzte der Essener Experte Thomas Bajanowski den Schlusspunkt - und stützte die Ansicht der Anklage. "Ich habe mich nur mit einem ganz kleinen Problem dieses komplexen Falles beschäftigt", sagte Bajanowski, bevor er in Saal 205 mit seinen Ausführungen begann. Einfach dürfte es für ihn trotzdem nicht gewesen sein, denn der Rechtsmediziner hatte keine Gelegenheit gehabt, die Leichname der getöteten Frauen in Augenschein zu nehmen. Annika W.s sterbliche Überreste wurden niemals gefunden und Susanne F. ist schon längst bestattet worden. So waren es die schriftlich fixierten Ausführungen seiner Kollegen, zu denen er sich äußern musste, hatten doch die beiden Rechtsmediziner Bernd Karger (Münster) und Wolfgang Grellner (Göttingen) gänzliche konträre Meinungen vertreten. Prozess geht auf die Zielgerade Während Grellner die Auffassung vertrat, dass selbst rasch erfolgte ärztliche Hilfe das Leben der beiden Frauen nicht hätte retten können, da die Sterblichkeit bei schweren Kopfverletzungen generell hoch sei, vertrat Karger da eine ganz andere Ansicht. Die Opfer hätten überleben können, sagte der Münsteraner - und erfuhr vor ein paar Wochen Unterstützung durch den Neurologen Walter Stummer. Der schätzte die Verletzung als keineswegs besonders schwer oder lebensgefährlich ein. Zu recht, wie nun Bajanowski ausführte. Die Auffassung des Neurochirurgen hielt er für nachvollziehbar. Damit dürfte der Prozess, der im Oktober 2016 begann, nun tatsächlich auf die Zielgerade gelangt sein. Geht es nach den Plänen des Vorsitzenden Richters Bernd Emminghaus, werden nach der Sommerferienzeit Anfang September die Plädoyers gehalten.

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