Am Dienstag entscheidet das Bundesverwaltungsgericht über ein Fahrverbot für Dieselfahrzeuge.  - © picture alliance / SvenSimon
Am Dienstag entscheidet das Bundesverwaltungsgericht über ein Fahrverbot für Dieselfahrzeuge.  | © picture alliance / SvenSimon

Paderborn Paderborner Chemie-Professor hat Zweifel an Wirkung von Fahrverboten

Diskussion um Stickoxid-Grenzwert: "Bei einer Konzentration von 200 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gibt es keine Nachteile für Menschen", sagt der Paderborner Chemie-Professor Matthias Bauer

Sabine Kauke

Paderborn. Heute entscheidet das Bundesverwaltungsgericht in Sachen Fahrverbot für Dieselautos, die als (Mit-)Verursacher für die Stickoxidbelastung in Städten gelten. Auch in Paderborn wird der EU- Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter Luft überschritten. Ist der Wert zu niedrig angesetzt, wie CDU-Mittelstandschef Friedhelm Koch und mehrere Leser kritisieren? Oder ist er noch zu hoch, wie andere meinen, allen voran die Deutsche Umwelthilfe (DUH)? Die NW hat einen Chemiker nach seiner Einschätzung gefragt. Matthias Bauer, Professor für Anorganische Chemie an der Universität Paderborn, macht einen "gewissen Konstruktionsfehler" bei der Grenzwertermittlung aus. "Der EU-Grenzwert stammt von Epidemiologen, die aufgrund von Sterbeziffern, Statistiken und mathematischen Modellen zu ihren Ergebnissen kommen", sagt Bauer. Angebrachter sei seiner Meinung nach hingegen eine Grenzwertermittlung von Toxikologen. Sie analysieren in Tierversuchen, ab welcher Belastung Schädigungen erfolgen. Leichte Reizungen der Atemwege bei Tieren So habe eine entsprechende Studie mit Ratten ergeben, dass die Atemwege der Tiere ab einer Stickoxidkonzentration von 8.000 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft leichte Reizungen aufwiesen. Wenngleich zu beachten sei, inwiefern Tierversuche auf Menschen übertragbar sind, wie robust oder empfindlich jeder einzelne Bürger ist und dass es sich bei bisherigen Untersuchungen nicht um Langzeitstudien handelte, hält Matthias Bauer einen Grenzwert von 200 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter Luft für vertretbar. "Bei dieser Größenordnung gibt es keine Nachteile für Menschen", sagt der Chemiker. Dass der Grenzwert am Arbeitsplatz, beispielsweise in den Chemischen Industrie, mit 950 Mikrogramm Stickoxid deutlicher höher liegt, ist nach seiner Einschätzung vernünftig: "Diese Mitarbeiter stehen unter regelmäßiger ärztlicher Beobachtung." Matthias Bauer plädiert dafür, die "ideologisch gefärbte Schwarz-Weiß-Diskussion" um Stickoxid-Grenzwerte zu versachlichen, statt in Hysterie zu verfallen. Werte nur schwer zu beeinflussen Seiner Meinung nach ist der Schadstoffbelastung in deutschen Städten auch nicht zwangsläufig mit Fahrverboten beizukommen. "Studien lassen daran zweifeln. Stickoxid-Werte sind nur schwer beeinflussbar", so der Chemiker. Zumal die Gemengelage sehr komplex sei: Bei Motoren bis zur Abgasnorm Euro 5 steige mit der Reduktion des für Menschen noch schädlicheren Feinstaubs die Stickoxidkonzentration in der Luft. Gibt es eine Lösung? Nur langfristig, sagt Bauer. "Durch den radikalen Einsatz katalytischer Verfahren bei Dieselfahrzeugen." Also durch saubere Autos, die nicht nur dem Prüfstand bestehen.

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